Endlich rauchfrei dank App: Was sagt die Evidenzlage?

  • erstellt am: 09.12.2014
  • von: ursula.kramer

Apps bieten aufgrund ihrer technischen Möglichkeiten grundsätzlich optimale Voraussetzungen, um Raucher bei der Tabakentwöhnung wirksam zu unterstützen. Informationen und Hilfeangebote können jederzeit, rundum die Uhr und angepasst an die individuelle Bedürfnislage abgerufen werden. Der Raucher-Coach in der Hosentasche ist ideal: Bei Gefahr eines Rückfalls genügt ein Griff in die Hosentasche und Hilfe naht.

Klingt gut, doch ein genauerer Blick offenbart, dass zwischen den theoretischen Potentialen und dem tatsächlichen Hilfeangebot noch eine große Lücke klafft (1).


  • Die meisten Apps zur Raucherentwöhnung bieten größtenteils lediglich Rechnerfunktionen (32 %), um Kosten der eingesparten Zigaretten zu kalkulieren, Kalenderfunktionen (28%), um aufzuzeigen, welche Wegstrecke bereits zurückgelegt ist seit dem Raucherausstieg, oder Rationierungshilfen (11 %), um die Zahl der Zigaretten langsam zu reduzieren. Auch Hypnose (6 %) als Unterstützung zählt zum derzeitigen Angebot, obwohl diese Methode bisher nicht nachweisen konnte, dass sie den Raucherausstieg erfolgreich unterstützen kann.
  • Die fünf beliebtesten "Raucher-Apps", die 70 Prozent der gesamten Downloads repräsentieren, ignorieren allesamt die medizinischen Leitlinien und arbeiten nicht mit den nachgewiesenermaßen wirksamen Methoden zur Raucherentwöhnung.

Und dabei zeigen vielversprechende Ergebnisse aus kontrollierten Studien mit über 9.000 Teilnehmern, welches Potential theoretisch in den smarten Alleskönnern schlummert.


  • Der Raucher-Ausstieg, begleitet durch individuelle Textnachrichten, die über Mobiltelefone vermittelt wurden, hat eine doppelt so hohe Erfolgsquote als in der Kontrollgruppe, ohne mobile Unterstützung. Insgesamt sind die Erfolgsraten allerdings bescheiden. Nur ca. 4 bis 5 Prozent der Raucher schaffen den dauerhaften Ausstieg, mobil unterstützt sind es doppelt so viele, ca. 6 bis 10 Prozent (2).

Das lässt darauf hoffen, dass Apps in kontrollierten Studien zukünftig den von Krankenkassen oder betrieblichen Gesundheitsprogrammen geforderten Nachweis der Wirksamkeit und Kosteneffektivität erbringen können. Voraussetzung ist allerdings die Nutzung von Methoden, deren Wirksamkeit über Leitlinien belegt ist. Nachhaltige Erfolge in der Raucherentwöhnung brauchen demnach individualisierte Begleitung, die Bestätigung und Verstetigung des geänderten Verhaltens durch einen hohen Grad an Interaktivität und Motivation.


Die Konzeption von evidenzbasierten Apps und deren Evaluation in klinischen Studien ist kostenintensiv und stellt komplexe Herausforderungen an die Anbieter. Ohne Partner aus der Wirtschaft oder Wissenschaft werden App-Entwickler dazu nicht in der Lage sein.


Weil bisher noch wenige Apps evidenzbasiert sind, hat das National Cancer Institute (NCI) in USA reagiert und selbst eine Raucher-App entwickelt. Die App QuitPal ist seit Oktober 2013 kostenfrei erhältlich. Sie berücksichtigt evidenzbasierte, multifaktorielle Ansätze in der Raucherentwöhnung und bietet insgesamt zehn verschiedene Unterstützungsfunktionen an, u. a. den Versand von Videobotschaften aus dem eigenen sozialen Netzwerk, den Erhalt von Motivationsbotschaften beim Erreichen wichtiger persönlicher Ziele und Meilensteine etc. Ein andere App, Text2Quit, die in Zusammenarbeit mit der George Washington Universität entwickelt wurde, setzt ebenfalls auf Evidenz und die intensive Nutzung von Textbotschaften. Die Botschaften hilfesuchender Raucher werden dort auch von psychologisch geschulten Coaches gelesen, so dass diese bei Bedarf auch das Angebot zum persönlichen Telefongespräch machen können. Wie der Schutz der persönlichen Nutzerdaten dabei optimal gestaltet werden kann, bleibt eine große Herausforderung.


In den USA werden von Regierungsseite auf www.smokefree.gov kostenfreie Apps z. B. QuitStartApp bereit gestellt. Durch Hinweise auf die wissenschaftlich überprüften, kostenfreien App-Angebote können Therapeuten ihre Patienten dabei helfen, Kosten für zweifelhafte Apps ohne methodisch überprüften Ansatz einzusparen.


Quellen

(1) Abroms L, Padmanabhan N, Thaweethal L, Phillips T. iPhone apps for smoking cessation: a content analysis. Am J Prev Med. 2011;40(3):279-285.


(2) Whittaker R, McRobbie H, Bullen C, Borland R, Rodgers A, Gu Y. Mobile phone-based interventions for smoking cessation. The Cochrane Library. http://onlinelibrary.wiley.com/

doi/10.1002/14651858.CD006611.pub3/abstract. Published 2012. Accessed November 6, 2013.


(3) Dawson M. (2014) Digital Technologies Gain Popularity for Smoking Cessation: Evidence Strongly Supports Some

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Dr. Ursula Kramer - Die Ap(p)othekerin bloggt auf HealthOn

Die Bloggerin

Die Vision eines gerechten, patientenorientierten Gesundheitssystems treibt die Ap(p)othekerin Dr. Ursula Kramer an. Digitalisierung sieht sie als Möglichkeit, diesem Ziel näher zu kommen. Seit 2011 testet sie Qualität, Sicherheit und Anwenderfreundlichkeit von Gesundheits-Apps. Sie will Transparenz schaffen und digitale Gesundheitskompetenz fördern. Sie teilt die Erfahrung aus der Analyse von mittlerweile über 10.000 Apps in Blogbeiträgen, Vorträgen und Publikationen. Mehr...