Promillerechner & Trinkspiele: Taugen Apps als Aufklärungshilfen?

  • Erstellt am: 09.04.2015
  • von: sarah-beyer

Smartphones sind so wenig aus dem Alltag Jugendlicher wegzudenken (1), wie die ersten Erfahrungen mit Alkohol (2), das Austesten von Grenzen, der Umgang mit sozialem Gruppendruck, der die Zeit des Erwachsenwerdens prägt. Bieten Gesundheits-Apps neue Chancen zur smarten Gesundheitsaufklärung, können sie unter Nutzung des Spaßfaktors "App" ohne erhobenen Zeigefinger für den verantwortlichen Umgang mit der Droge „Alkohol“ sensibilisieren? Die Initiative Präventionspartner hat sich im größten App-Store nach deutschsprachigen, kostenlosen Angeboten umgeschaut und insgesamt 14 Apps in der Kategorie „Gesundheit & Fitness“ identifiziert und analysiert.

Hier die Ergebnisse in Kürze:


  • Etwa jede dritte App (29 %) vermittelt gesundheitsbezogene Informationen zu den Gefahren des Alkoholkonsums.
  • Die Mehrzahl der Apps (71 %) beschränkt sich darauf, anhand des konsumierten Alkohols den Promillewert zu berechnen. Diese Apps weisen den Alkoholgehalt verschiedener Spirituosen aus und machen bewußt, wie schnell der Konsum alkoholischer Getränke zu gefährlichen Promillewerten führen kann.
  • Einige Apps (2 von 14) verharmlosen die Gefahren des unkontrollierten Alkoholkonsums, in dem sie z. B. über zweifelhafte Trinkspiele den Wettbewerb um das Erreichen möglichst hoher Promillewerte anheizen und so den sozialen Gruppendruck verstärken.

Alle untersuchten Apps werden kostenlos angeboten. Analysiert man sie auf Basis etablierter Qualitäts- und Transparenzkriterien für Gesundheits-Apps (HealthonApp-Ehrenkodex), ergibt sich folgendes Bild:


  • Jede zweite App ist offensichtlich werbefrei (50 %) und kommt ohne Werbeeinblendungen oder Produktanzeigen aus.

Die Frage stellt sich, wie sich diese Apps finanzieren? Muss der Nutzer möglicherweise mit seinen Daten bezahlen? Die Einschätzung dieser Frage ist schwierig, denn:


  • Fast neun von zehn Apps (86 %) machen keinerlei Angaben zum Schutz bzw. der Verwendung der Nutzerdaten.
  • Finanzierungsangaben: Lediglich bei 8 der 14 untersuchten Apps  (57 %) können Rückschlüsse auf die Finanzierungsquellen gezogen werden, dies sind z. B. Werbeeinblendungen von Google, Erlöse aus dem Verkauf kostenpflichtiger Zusatzelemente bzw. der kostenpflichtigen Vollversion. Nur eine App informiert explizit, dass sie vom Anbieter selbst finanziert wird.
  • Angaben zur fachlichen Qualifikation der Autoren (7 %) und deren Sachverständigkeit in Punkto Alkoholgefahren fehlen in fast allen Apps, ebenso wie die Angaben zu Quellen (7%), auf die sich die gesundheitsbezogenen Informationen bzw. die Berechnung der Promillewerte beziehen.
  • Nur jede sechste App (14 %) klärt mit einem Impressum darüber auf, wer verantwortlich ist für die Inhalte, obwohl jeder App-Anbieter rechtlich dazu verpflichtet wäre.
  • Jeder 3. App nennt einen E-Mail-Kontakt (29%), z. B. für Rückfragen oder Verbesserungvorschläge. Konkrete Ansprechpartner werden in der Regel nicht genannt.

Health-Apps zur Sensibilisierung für die Gefahren des Alkoholkonsums: HealthonApp-EhrenkodexHealth-Apps zur Sensibilisierung für die Gefahren des Alkoholkonsums: Unterstützungsmöglichkeiten


Fazit: Bisher sind in den App-Store kaum Angebote zu finden, die auf intelligente und unterhaltsame Weise ohne den erhobenen Zeigefinger für einen verantwortlichen Umgang mit Alkohol sensibilisieren. Es gibt zwar viele Promillerechner, vier der untersuchten 14 App erreichen auch Downloadzahlen über 50.000, was das Interesse der Nutzer zeigt. Die vielen neuen Möglichkeiten mit Health-Apps multimedial, individuell, kontextabhängig und mit spielerischen Elementen des Infotainments zu arbeiten und Peers, z. B. über Social Media-Funktionen einzubinden, wird von den untersuchten Angeboten bisher kaum genutzt. "Smarte Alkoholprävention" für die Zielgruppe der Jugendlichen findet in den App-Stores derzeit noch nicht statt. Trotz der hohen Zielgruppenerreichbarkeit, die für digitale Präventionsansätze in der Alkoholprävention Jugendlicher sprechen, lassen Krankenkassen und staatliche Aufklärungsbehörden (BZgA) dieses vielversprechende Terrain bisher unberührt.


Eine vergleichende Übersicht mit den Testergebnissen aller 14 Apps sowie Informationen zum methodischen Ansatz des Screenings können Sie hier kostenlos downloaden.

Alle Einzeltests sind über die Healthon-Referenzdatenbank abrufbar, in der mittlerweile über 250 getestete Gesundheits-Apps zur Orientierung für Verbraucher gelistet sind.

 


Quellen:


  1. Der Alkoholkonsum von Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Deutschland 2012; http://www.drogenbeauftragte.de/fileadmin/dateien-dba/DrogenundSucht/Alkohol/Downloads/Info-Blatt_Alkoholsurvey_2012_final.pdf
  2. BITKOM Studie April 2014: Kinder und Jugend 3.0 https://www.bitkom.org/files/documents/BITKOM_PK_Kinder_und_Jugend_3_0.pdf

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