Top Gesundheits-Apps: Beliebt, wirksam, vertrauenswürdig?

  • erstellt am: 06.07.2016
  • von: ursula.kramer

Um besser zu verstehen, warum bestimmte Gesundheits-Apps bei Nutzern besonders beliebt sind, hat die Initiative Präventionspartner im Mai 2016 aus einem Screening von über 800 Apps insgesamt 44 deutschsprachige, kostenlose Gesundheits-Apps identifiziert, die das Ranking der beliebtesten Gesundheits-Apps in den folgenden, aus Public Health Sicht relevanten Anwendungsgebieten anführen (s. Top Gesundheits-Apps: Von den Besten lernen).


  • Bluthochdruck [n= 10)
  • Raucherentwöhnung (n=8)
  • Rückenschmerz (n= 9)
  • Ernährung Schwangere/Baby (n=10)
  • Angststörungen (n= 7)

Untersucht wurden u. a. auch die Unterstützungsfunktionen der Apps, ihr visuelles Gesamtkonzept sowie die Angaben der Hersteller, auf die Nutzer angewiesen sind, um Qualität und Transparenz der gesundheitsbezogenen Informationen und des gesundheitsförderlichen Gesamtkonzeptes einer App einschätzen zu können (Healthon Ehrenkodex).


Was schätzen Verbraucher und Patienten ganz offensichtlich an Gesundheits-Apps? Welche Funktionen werden mit hohen Downloadzahlen belohnt?


  1. Ansprechendes Design: Die Analyse der Screenshots der Best Practise Apps, zeigt, dass Design für die Beliebtheit eine große Rolle spielt. Die Apps auf den vorderen Beliebtheitsplätzen zeichnen sich alle durch ein ansprechendes Design, eine klare Menüführung aus. Gefällt eine App auf den ersten Blick, schließen Nutzer offensichtlich von Design auf den professionellen Inhalt. Sie laden diese Apps häufiger herunter und bewerten sie auch häufiger. Wie lange und wie oft sie die Apps dann nutzen, lässt sich aus den Metriken der App-Stores nicht ableiten, in Google Play erkennt der Nutzer lediglich, wie viele Downloads eine App erreicht hat. Nur der Entwickler sieht auch die Anzahl der Installationen und kann diese ins Verhältnis setzen zur Anzahl der Downloads.
  2. Erklärungen zum besseren Krankheitsverständnis: Was kann ich selbst tun? Besonders viele Top-Apps im Anwendungsgebiet Ernährung (90%) und Rückenschmerzen (78%) setzen auf erklärende Gesundheitsinformationen, z. B. worauf bei gesunder Ernährung zu achten ist, bzw. wie man Rückenschmerzen vorbeugen bzw. besser bewältigen kann. Informationen sind auch bei Apps zur Bewältigung von Angsterkrankungen weit verbreitet (57%) und auch bei Bluthochdruck-Apps (50%). Von jeder sechsten App werden diese Informationen nutzerbezogen vermittelt z. B. in Form von Selbsttests zur Einschätzung der individuellen Belastungssituation bzw. zur Analyse des eigenen Ernährungsverhaltens. Auf diese Weise wird sich der Nutzer seiner eigenen Risiken bewusst. Information als Schlüssel für bessere Gesundheitskompetenz? Viele Apps setzen auf diesen Weg, und von Nutzern scheint dies mit Downloads honoriert zu werden.
  3. Vereinfachtes Datenhandling: Bei Apps zum Selbstmanagement chronischer Krankheit fällt auf, dass 40 Prozent der beliebtesten Blutdruck-Apps die vom Patienten selbst erhobenen Messwerte automatisch aus den Messgeräten übernehmen und diese zentral abspeichern können. Nutzer gehen offensichtlich das Risiko ein, ihre sensiblen Gesundheitsdaten in der Cloud zu speichern, wenn das Datenhandling für sie auf diese Weise einfacher wird, z. B. die Möglichkeit Daten auszutauschen (90%) und zu synchronisieren. Alle Top Blutdruck-Apps sind digitale Tagebücher (100%) mit der Möglichkeit, die Einträge in Form von Verlaufskurven auszuwerten (100%) und dadurch Auffälligkeiten schneller zu erkennen und Zusammenhänge einfacher herstellen zu können, z. B. zur Einnahme von Medikamenten, zur Stressbelastung im Alltag, zu Trainingseinheiten in der Freizeit etc.
  4. Praktische Hilfe beim Erlernen, Einüben neuer Fähigkeiten, Stärkung von Ressourcen zur Selbstbewältigung: Die Top Apps zum Selbstmanagement von Rückenschmerzen bieten in großer Mehrheit Audio- und Videounterstützung (78%). Wie führe ich Bewegungsübungen richtig durch, wie kann ich Entspannungsübungen wirksam in meinem Alltag einbauen? Audioanleitungen in Angst-(14%) und Rückenschmerz-Apps (78%) helfen z. B. auch dabei, Atemübungen und Techniken der Muskelentspannung zu erlernen. Selbst aktiv werden! Diese Möglichkeit bieten Apps und das schätzen offensichtlich viele App-Nutzer.
  5. Spielerische Anreize, Motivation. Insbesondere Raucher-Apps versuchen, spielerische Anreize zu setzen, mit Belohnungen zu arbeiten (25%), damit der Nutzer besser durchhalten kann. Die graphische Aufbereitung von Messdaten und Tagebucheinträgen macht die Ergebnisse von Verhaltensveränderungen sichtbar und wirkt auf diese Weise ebenfalls motivierend: Nutzer sehen z. b. die Zahl der eingesparten Zigaretten, erkennen die tägliche Kalorienaufnahme, den Gewichtsverlust, die Veränderung von Stimmung, die Verbesserung von Lebensqualität und werden für erreichte Ziele belohnt, mit Motivationsbotschaften, Punkte, Pokalen etc.

Fazit: Verbraucher und Patienten bringen offensichtlich viel Eigenmotivation mit, wenn sie, in der Regel ganz ohne Empfehlung von Therapeuten, auf eigene Faust in den Stores nach unterstützenden Apps suchen, um Krankheiten besser zu bewältigen (Bluthochdruck, Rückenschmerz, Angststörungen), oder ihr Gesundheitsverhalten zu verändern (Ernährung, Rauchen). Das eröffnet aus Versorgungssicht interessante Möglichkeiten der digitalen Gesundheitsförderung. Grundsätzlich schaffen es nur wenige Gesundheits- und Medizin-Apps das Interesse der Nutzer auf sich zu ziehen, so dass sie relevante Downloadzahlen erreichen. Lediglich 910 Apps in der Kategorie Gesundheit und Fitness bzw. 232 Apps in der Kategorie Medizin haben mehr als 50.000 Downloads (Health-App Dashboard 6/2016). Sie genauer anzuschauen wird den Akteuren der Gesundheitswirtschaft helfen, patientenorientierte Gesundheits-Apps zu entwickeln.



Sie werden genutzt – sind sie denn auch wirksam?


Zur Einschätzung der Qualität einer Gesundheits-App als digitales Werkzeug zur Stärkung der Selbstbefähigung und Förderung der Gesundheitskompetenz von Patienten gehört neben der Patientenorientierung sicher auch die Einschätzung der Apps nach wissenschaftlichen Kriterien: Sind Unterstützungsansatz und gesundheitsbezogene Informationen evidenzbasiert und leitlinienkonform, können Apps ihre Wirksamkeit in kontrollierten Studien nachweisen? Ein ganzheitlicher Evaluations- und Bewertungsansatz für Gesundheits- und Medizin-Apps bezieht diese Fragenstellungen mit ein und liefert damit auch die Basis für eine Nutzenbewertung. Diesen Ansatz zu entwicklen, ist eine interdisziplinäre Aufgabe unter Einbeziehung der Nutzerzielgruppen (Verbraucher, Patienten).


Im Moment werden Gesundheits- und Medizin-Apps von Verbrauchern und Patienten als „Stand-alone-Lösung“ genutzt. Der beidseitige Datenaustausch zwischen Patienten und Leistungserbringern wird in Pilotprojekten erprobt, die Funktionen zum Teilen von Daten bieten heute schon sehr viele Gesundheits-Apps an. Patienten, z. B. Diabetiker, haben großes Interesse, diese Funktionen zu nutzen (DDG Poster DiMAPP Studie) und knüpfen hohe Erwartungen an Apps als neue Bausteine in der medizinischen Regelversorgung (QuAppKOM).


Außerdem untersucht im Rahmen des Screenings Top Gesundheits-Apps: Wie schneiden Top Gesundheits-Apps in Punkto Qualität und Sicherheit ab?

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Dr. Ursula Kramer - Die Ap(p)othekerin bloggt auf HealthOn

Die Bloggerin

Die Vision eines gerechten, patientenorientierten Gesundheitssystems treibt die Ap(p)othekerin Dr. Ursula Kramer an. Digitalisierung sieht sie als Möglichkeit, diesem Ziel näher zu kommen. Seit 2011 testet sie Qualität, Sicherheit und Anwenderfreundlichkeit von Gesundheits-Apps. Sie will Transparenz schaffen und digitale Gesundheitskompetenz fördern. Sie teilt die Erfahrung aus der Analyse von mittlerweile über 10.000 Apps in Blogbeiträgen, Vorträgen und Publikationen. Mehr...