Verbände entwickeln Qualitätskriterien für Diabetes-Apps

  • erstellt am: 17.11.2016
  • von: ursula.kramer

Im Umfeld der MEDICA haben Experten intensiv über die Qualität von Gesundheitsapps bzw. über Maßnahmen zur besseren Verbraucherorientierung in diesem intransparenten Markt diskutiert (1). Diabetes-Selbsthilfeverbände wünschen sich Kriterien, an denen Betroffene "gute" Diabetes-Apps erkennen. Aus Befragungen von Betroffenen ist bekannt (2), dass Diabetiker grosses Interesse haben an Diabetes-Apps und hohe Erwartung an diese digitalen Helfer knüpfen. Sie gehen derzeit in erster Linie auf eigene Faust in den Apps, um dort nach hilfreichen Unterstützungen zu suchen,

Qualitätskriterien für Diabetes-Apps - Orientierung an geltenden Standards

Der Qualitätsbegriff, den Verantwortliche auf kassenfinanzierte, therapeutische oder präventive Maßnahmen anwenden, sieht die Einhaltung definierter Kriterien vor (3,4). An gesundheitsförderliche Maßnahmen, die von öffentlichen Institutionen entwickelt werden, z. B. der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), werden strenge Qualitätskriterien angelegt (5,6,7).
Dazu zählen u. a.

  1. wissenschaftlicher Nachweis der Wirksamkeit, die sog. Evidenz
  2. überprüfbare Qualität der gesundheitsbezogenen Inhalte (8)

Gute Praxis Gesundheitsinformation - gilt auch für Diabetes-Apps

Das gemeinsame Grundsatzpapier verschiedener Institutionen des Gesundheitswesens, das die Qualitätskriterien für Patienteninformationen festlegt  (8), lässt sich grundsätzlich auch auf Diabetes-Apps anwenden. Demnach müssten "gute" Diabetes-Apps folgende Anforderungen erfüllen:

  • Literaturbasierte Inhalte: Gibt es keinen Nachweis aus Studien, mit dem sich die in der App getroffenen Aussagen bzw. Empfehlungen belegen lassen, dann sollte explizit auf die fehlende Evidenz hingewiesen werden.
  • Zielgruppenorientierte Inhalte: Alle Informationen der Diabetes-Apps sollten verständlich formuliert bzw. bereit gestellt werden, so dass sie auch von Diabetiker ohne hohen Bildungsabschluss oder mit anderem Sprach- und Kulturhintergrund genutzt werden können.
  • Entwicklung der Diabetes-Apps und ihrer Funktionen und Inhalte unter Beteiligung betroffener Diabetiker.
  • Realistische Darstellung des Wissens sowie der Grenzen des mit der App vermittelten Wissens 
  • Unterstützung der App-Nutzer durch Hinweise auf weiterführende Beratungs- und Kontaktangebote für Diabetiker
  • Relevanz der dargestellten Ergebnisse. Im Fokus stehen Inhalte, die für den Diabetiker wichtig sind, d. h. z. B. wie wirkt sich – die Nutzung einer App – auf die Beschwerde- bzw. Krankheitswahrscheinlichkeit und auf die Lebensqualität eines Diabetikers aus? Der Nutzer wird informiert über alle Begleitumstände der App-Nutzung, d. h. über die körperlichen, seelischen oder finanziellen Belastungen, die mit der Nutzung der Diabetes-App verbunden sind.
  • Kommunikation von Nutzen und Schaden einer Diabetes-App. Die Vermittlung erfolgt so, dass Diabetiker den Nutzen und Schaden möglichst realistisch einschätzen können.
  • Offenlegung von Interessenkonflikten des App-Anbieters: Alle Umstände sind offenzulegen, d. h. Verfasser sowie Finanzierungsquellen sind zu nennen, um mögliche Interessenkonflikte aufklären zu können.

Untersuchungen aller deutschsprachigen Diabetes-Apps zeigen, dass die Anbieter von Diabetes-Apps ihre Nutzer in der Regel unzureichend aufklären (9), so dass die Einschätzung von Qualität und Vertrauenswürdigkeit von Diabetes-Apps nicht ohne weiteres möglich ist.

Maßnahme zum Schutz der Nutzer von Diabetes-Apps

Aus dem Wunsch nach Orientierung und Verbraucherschutz wird der Ruf nach Regulierung lauter. Die CE-Kennzeichnung von Gesundheits-Apps auf Basis eines EU-Konformitätsverfahren (§ 3 MPG) gibt bisher nur in beschränktem Maße Orientierung. Die Gründe:

  1. Nur einige wenige Gesundheits-Apps, die vom Anbieter zur Diagnose und Therapie von Krankheiten in Verkehr gebracht wurden, sind CE-gekennzeichnet. Einige davon sind Diabetes-Apps: CE-gekennzeichnete Diabetes-Apps
  2. Die CE-Kennzeichnung sagt nichts aus über den belegbaren Nutzen einer App für den Anwender, wie ein aktuelles Beispiel zeigt (Tinnitracks-App).
     

Stärkung der Medien- und Gesundheitskompetenz von App-Nutzern

Wenn Nutzer verstehen, woher die Risiken kommen, die mit der Anwendung einer Diabetes-App verbunden sind, können sie Apps selbstbestimmter auswählen und nutzen.
Im Falle der Diabetes-Apps sind zwei Fragen von zentraler Bedeutung:

  1. Welche Unterstützungsfunktionen bietet eine Diabetes-App?
    Die meisten Diabetes-Apps sind Multifunktions-Apps, die mindestens 3 und max. 9 verschiedene Unterstützungsfunktionen bieten. 80 Prozent lassen sich als digitale Tagebücher nutzen, viele bieten Insulin-Rechner, mit vielen Apps lassen sich Blutzuckerverläufe visualisieren, in denen Hyper- und Hypoglykämien angezeigt werden. etc. Viele Apps bieten die Möglichkeit, Daten an Dritten zu versenden bzw. diese über eine Cloud zentral zu speichern und Dritten Zugang zu diesen Daten zu geben.
  2. Wofür will ich die App nutzen?
    Diabetiker wünschen sich von einer App umfangreiche Unterstützung beim Selbstmanagement ihrer Krankheit, sie wollen ihre Blutzuckerwerte verwalten, auswerten und daraus richtige Schlüsse ziehen.

Das bedeutet: Der Schaden für den Nutzer im Fall von Fehl- oder Falschinformation bzw. Falschberechnung oder durch Verletzung der Datenschutzrechte ist bei der Nutzung einer Diabetes-App in der Regel hoch. 57 Prozent der Diabetes-Apps gehören zur Risikoklasse 4 (10).
Dem Nutzer drohen unter Umständen schwerwiegende gesundheitliche Konsequenzen, wenn die App nicht verlässlich arbeitet. Angaben der Hersteller zur Vertrauenswürdigkeit und Sachverständigkeit der Diabetes-Apps sind deshalb besonders wichtig. Die EU entwickelt derzeit einen Code of Conduct für die Anbieter von Gesundheits-Apps, der zur Offenlegung verschiedener Angaben verpflichtet.

Erreichbarkeit von Diabetikern mit Apps

Die Qualität einer Gesundheits-App entscheidet sich neben den bereits genannten Aspekten in hohem Maße auch daran, ob sie die Fähigkeiten, Einschränkungen und Erwartungen der Nutzerzielgruppe kennt. Wenn sie diese berücksichtigt, können Nutzer mit der App umgehen, d. h. die Informationen verstehen (z. B. Sprache, Schriftgröße, Menüführung etc.) und die Funktionen der App einfach bedienen (z. B. Tagebuch, Datenspeicherung etc.). Untersuchungen zeigen in diesem Punkt große Schwächen des vorhandenen Angebotes, das insbesondere von Nutzern mit geringer Gesundheits- und Technikkompetenz nur unzureichend genutzt werden kann (11,12).  Das ist möglicherweise ein Grund dafür, warum derzeit nur 8 von 51 deutschsprachigen Diabetes-Apps mehr als 50.000 Downloads (13) erreichen, drei davon über 100.000 und keine Diabetes-Apps mehr als 500.000. Diabetes-Apps, die häufig heruntergeladen und von Nutzern positiv bewertet werden, können App-Entwicklern hilfreiche Hinweise darauf geben, was eine "gute" Diabetes-Apps aus Nutzersicht auszeichnet. Weiter zu den drei Diabetes-Apps mit der größten Nutzerbeliebtheit.

Akzeptanz von Diabetes-App bei Nutzern

Diabetiker, die Apps nutzen, sind mehrheitlich sehr zufrieden mit der App-Unterstützung, 70 Prozent geben an, die Diabetes-Apps täglich zu nutzen, 60 Prozent davon bereits länger als 6 Monate (2). Verglichen mit den Retentionsraten, die für andere Gesundheits-Apps beobachtet werden, spricht das für eine hohe Akzeptanz. Die 30-Tage-Nutzung bzw. Retentionsrate von Apps in der Kategorie Gesundheit & Fitness liegt bei 50 Prozent und ist, im Gegensatz zum allgemein rückläufigen Trend, in den letzten Jahren konstant geblieben (14).

Quellen:

  1. Von Fachleuten empfohlen: Verbände entwickeln Qualitätskriterien für Diabetes-Apps. 3SAT Beitrag
  2. Kramer U, Zehner F. Diabetesmanagement mit Apps (DiMAPP). Chancen, Risiken, derzeitige & zukünftige Nutzung, Einstellungen, Erfahrungen und Erwartungen von Betroffenen. Online-Befragung von Diabetikern. Diabetologie und Stoffwechsel 2016; 11 - P
  3. GKV-Spitzenverband (Hrsg.) Leitfaden Prävention. Handlungsfelder und Kriterien des GKV-Spitzenverbandes zur Umsetzung von §§ 20 und 20 a SGB V vom 21. Juni 2010. Basel/Berlin: Prognos AG.
  4. GKV-Spitzenverband (Hrsg.) Gemeinsame Empfehlung zur Förderung und Durchführung von Patientenschulungen auf der Grundlage von § 43 Abs. 1 Nr. 2 SGB V. https://www.gkv-spitzenverband.de/media/dokumente/krankenversicherung_1/...
  5. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Gesundheitsförderung konkret. Band 13: Qualitätskriterien für Maßnahmen der Gesundheitsförderung und Primärprävention von Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen (2010) http://www.bzga.de/botmed_60649130.html Zugriff am 20.10.2016
  6. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Gesundheitsförderung konkret. Band 5: Kriterien guter Praxis in der Gesundheitsförderung bei sozial Benachteiligten (2011) 5. Auflg. http://www.bzga.de/botmed_60645000.html
  7. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung Leitfaden Qualitätskriterien für Planung, Umsetzung und Bewertung von gesundheitsfördernden Maßnahmen mit dem Fokus auf Bewegung, Ernährung und Umgang mit Stress (2012).http://www.bzga.de/infomaterialien/ernaehrung-bewegung-stressbewaeltigun... Zugriff am 20.10.2016
  8. Deutsches Netzwerk Evidenzbasierter Medizin e. V. Gute Praxis Gesundheitsinformation. In: Zeitschrift für Evidenz, Fortbildung, Qualität im Gesundheitswesen, 2009 (104) S. 66-68.
  9. HealthOn. Diabetes-Apps: Angebot und Nachfrage wachsen, Qualität steigt. 08/2016
  10. HealthOn. Diabetes-Apps - Nutzen kann groß sein, Risiko auch. Screening Diabetes-Apps 6/2016, n=51. Infographik
  11. Sarkar U, Gourley G, Lyles C et al. Usability of Commercially Available Mobile Applications for Diverse Patients. Journal of General Internal Medicine, published online July 14, 2016
  12. Arnhold M, Quade M, Kirch W. Mobile applications for diabetics: a systematic review and expert-based usability evaluation considering the special requirements of diabetes patients age 50 years or older. J Med Internet Res 2014;16(4):e104. CrossRef PubMed
  13. HealthOn. Diabetes-Apps gibt es viele. Nur Wenige werden von Vielen genutzt. Screening Diabetes-Apps 6/2016, n=51, Infographik
  14. Flurry Analytics 2016. Enter the Matrix: App Retention and Engagement, May 2016. http://flurrymobile.tumblr.com/post/144245637325/appmatrix Zugriff am 20.10.2016
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Dr. Ursula Kramer - Die Ap(p)othekerin bloggt auf HealthOn

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Die Vision eines gerechten, patientenorientierten Gesundheitssystems treibt die Ap(p)othekerin Dr. Ursula Kramer an. Digitalisierung sieht sie als Möglichkeit, diesem Ziel näher zu kommen. Seit 2011 testet sie Qualität, Sicherheit und Anwenderfreundlichkeit von Gesundheits-Apps. Sie will Transparenz schaffen und digitale Gesundheitskompetenz fördern. Sie teilt die Erfahrung aus der Analyse von mittlerweile über 10.000 Apps in Blogbeiträgen, Vorträgen und Publikationen. Mehr...