Krebs-Apps: Es gibt nicht viele, sie werden kaum genutzt

  • erstellt am: 10.01.2017
  • von: ursula.kramer

Die Weltgesundheitsorganisation WHO geht davon aus, dass sich weltweit mehr als 30 Prozent aller Krebsfälle durch Vorbeugung vermeiden ließen (1).Verhaltensbedingte Risikofaktoren wie Bewegungsmangel und Fehlernährung mit der Folge von Übergewicht in weiten Teilen der Bevölkerung (2) sowie Tabakkonsum (3)) sind für ein Drittel der gesamten Krankheitslast in Deutschland verantwortlich (4) und gelten auch als gesicherte Risikofaktoren für die Entwicklung von Krebserkrankungen. Mehr als 4 Millionen Menschen sind in Deutschland schon einmal an der Diagnose Krebs erkrankt (5).

Das Angebot an Apps, die auf eine Veränderung der Lebensstils abzielen, wie Fitness- und Ernährungs-Apps sowie Apps zur Raucherentwöhnung ist groß. In einer aktuellen Analyse hat HealthOn im Dezember 2016 untersucht, auf welche Unterstützung vorsorgeinteressierte Menschen treffen, die in App-Stores speziell nach Apps zur Krebsfrüherkennung suchen, bzw. welche Apps Krebsbetroffene oder Angehörige finden können, die in der Phase der Chemotherapie oder in der Nachsorge nach einer überstandenen Krebserkrankung Hilfe suchen. Hier einige Ergebnisse der Analyse:

Die Suche ist mühsam

  • Von den weltweit verfügbaren ca. 130.000 Gesundheits-Apps (6) verbleiben lediglich 21 Apps, die in deutscher Sprache und kostenlos genutzt werden können.
  • Diese 21 „Krebs-Apps“ sind in langen Trefferlisten von mehr als 1.000 Apps verborgen, die meisten Apps sind Fehltreffer - in fremden Sprachen, ohne Bezug zum Thema Krebs oder ausschließlich zur Nutzung durch medizinische Fachkreise. 11 Apps zielen auf Krebsfrüherkennung ab, 10 App richten sich an Krebspatienten bzw. deren Angehörige.

Fazit: Dem Suchenden wird viel Geduld abverlangt. Vielleicht ist auch das ein Grund, warum diese Apps so wenig genutzt werden.

Die Zahl der Downloads ist gering

  • In der Summe wurden alle 21 Krebs-Apps lediglich 260.000 Mal von Nutzern auf Smartphones heruntergeladen. Bei mehr als 4 Millionen Menschen in Deutschland, die in ihrem Leben schon einmal an Krebs erkrankt sind, scheint das nicht viel.
  • 96 Prozent der Downloads verteilen sich auf nur fünf Apps.
    Es sind allesamt Vorsorge-Apps, die sich an gesunde Nutzer richten. Diese Apps unterstützen z. B. die monatliche Selbstuntersuchung der Brust oder die Beobachtung von auffälligen Muttermalen. Sie ermitteln im Selbsttest z. B. das individuelle Lungenkrebsrisiko oder die Selbstschutzzeit der Haut als Schutzmaßnahme vor Hautkrebs.
    Im Gegensatz dazu werden Apps, die sich explizit an bereits Erkrankte richten, kaum genutzt. Sie bieten z. B. die Möglichkeit, Tagebuch zu führen über den Krankheitsverlauf, die belastenden Symptome der Krankheit, die unerwünschten Wirkungen der Therapie, und ermöglichen dem Nutzer, diese Daten mit dem behandelnden Arzt per E-Mail zu teilen.

Krebs-Apps Screening 11/2016: Verteilung nach Downloadkategorien

Zurückhaltung bei Betroffenen: Erklärungsversuche

Aus wissenschaftlichen Studien zur partnerschaftlichen Arzt-Patienten-Beziehung ist bekannt, dass Patienten mit zunehmender Schwere ihrer Erkrankung aus dem Gefühl der Überforderung und Unsicherheit häufig Entscheidungen an den Arzt ihres Vertrauens abgeben (7). Gesunde Menschen trauen sich offensichtlich eher zu, Krebsvorsorge in die eigene Hand zu nehmen und dazu z. B. Vorsorge-Apps zu nutzen. Eine App auf eigene Faust in den Stores zu suchen und zu nutzen, scheint für Krebspatienten hingegen eher unwahrscheinlich. Aber gerade das ist für Patienten derzeit der einzige Weg. Warum?

Praktische Hürden erschweren die App-Nutzung

Ärzten fehlt sowohl die rechtliche Grundlage, um qualitätsgesicherte Krebs-Apps z. B. aus einer, auch von Krankenkassen anerkannten Vorschlagsliste, sicher empfehlen zu können, als auch die rechtssichere Basis, um die von Patienten auf eigene Faust in Tagebüchern erfassten Daten in Patientenakten zu übernehmen und systematisch auswerten zu können. Damit Ärzte aus den vom Patienten z. B. in Symptomtagebüchern erfassten Daten Erkenntnisse für die Therapie ableiten können, müssen die erforderlichen Voraussetzungen erst geschaffen werden. Dazu zählt die Definition von Anforderungen an Sicherheit und Qualität der Apps sowie die Gestaltung der Rahmenbedingungen, damit Datenschutz- und Patientenrechte sowie ethische Grundsätze gewahrt bleiben.

In Pilotprojekten werden derzeit gangbare Wege gesucht. Wissenschaftler der Versorgungsforschung arbeiten an Methoden, um den Nutzen von Apps zu bewerten und damit die Voraussetzung zu schaffen, dass sie als Bausteine auch in der Regelversorgung von Krebspatienten empfohlen werden können. Diese Nutzenevaluation berücksichtigt unter anderem den krankheitsbedingten Hilfebedarf von Patienten, der stark variieren kann, und bezieht darüber hinaus auch Alter, Bildungsgrad, Gesundheits- und Medienkompetenz und die sich daraus ableitenden Möglichkeiten und Präferenzen der avisierten Patientenzielgruppen ein.

Ob Apps sich zukünftig als neue Optionen auch in der Bewältigung von Krebserkrankungen individuell einpassen und ob bzw. wie sie die Kommunikation mit dem Arzt des Vertrauens zukünftig unterstützen können, bleibt Gegenstand weiterer Studien und nicht zuletzt die individuelle Entscheidung des Einzelnen.

Strukturierte Testberichte aller 21 untersuchten Krebs-Apps auf HealthOn/Testberichte.
Details zur Untersuchung und individuelle Auswertungen gerne auf Anfrage.

Quellen:

  1. Zentrum für Krebsregisterdaten (2015). Rauchen, Übergewicht, Ernährung. Manche Risikofaktoren wären vermeidbar. http://www.krebsdaten.de/Krebs/DE/Content/Krebsarten/Krebs_gesamt/krebs_... (10.01.2016)
  2. Robert Koch-Institut (Hrsg) (2012). Daten und Fakten: Ergebnisse der Studie »Gesundheit in Deutschland aktuell 2010«. Beiträge zur Gesundheitsberichterstattung des Bundes. RKI, Berlin
  3. Lampert T, Kuntz B (2015). Tabak - Zahlen und Fakten zum Konsum. In: Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (Hrsg.): Jahrbuch Sucht 2015. Lengerich: Pabst
  4. Plass D et al (2014). Trends in disease burden in Germany - results, implications and limitations of the Global Burden of Disease Study. Dtsch Arztebl Int 2014; 111: 629–38. DOI: 10.3238/arztebl.2014.0629
  5. Robert Koch-Institut. Krebsgeschehen in Deutschland 2016 https://www.bundesregierung.de/Content/DE/Artikel/2016/11/2016-11-29-kre...
  6. HealthOn App Dashboard 12/2016
  7. Härter M, Loh A, Spies C. Gemeinsam entscheiden – erfolgreich behandeln. Deutscher Ärzte-Verlag GmbH, 2005.

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Dr. Ursula Kramer - Die Ap(p)othekerin bloggt auf HealthOn

Die Bloggerin

Die Vision eines gerechten, patientenorientierten Gesundheitssystems treibt die Ap(p)othekerin Dr. Ursula Kramer an. Digitalisierung sieht sie als Möglichkeit, diesem Ziel näher zu kommen. Seit 2011 testet sie Qualität, Sicherheit und Anwenderfreundlichkeit von Gesundheits-Apps. Sie will Transparenz schaffen und digitale Gesundheitskompetenz fördern. Sie teilt die Erfahrung aus der Analyse vieler tausender Gesundheits-Apps in Blogbeiträgen, Vorträgen und Publikationen. Mehr...