Bewertung von Gesundheits-Apps: Lernen von Portalen weltweit

  • Erstellt am: 13.06.2017
  • von: ursula.kramer

Die Forderungen beim Ärztetag in Freiburg und die Diskussion beim Digital Gipfel in Ludwigshafen erwecken den Eindruck, als wäre die Fragen nach der Qualität und Sicherheit von Gesundheits-Apps ein neues Thema. Dabei haben sich in den letzten Jahren weltweit verschiedene Ansätze entwickelt, die Verbrauchern und Patienten Orientierung geben wollen. Der Blick auf diese Arbeit lohnt sich, wenn sich nun auch öffentliche Institutionen einbringen wollen in die Ausgestaltung zukünftiger Verbraucher- und Patientenportale oder gar von App-Empfehlungsplattformen für Ärzte.

Intransparenz hemmt Nutzung digitaler Gesundheitsanwendungen

Die Ausgangslage in den USA, Großbritannien und Deutschland ähnelt sich: Marktseitig hat sich eine unüberschaubare Vielzahl von Gesundheits-Apps entwickelt. Verbraucher und Patienten interessieren sich für Gesundheits-Apps - schon länger als die Ärzteschaft. Sie gehen mit gesundheitsbezogenen Fragen auf eigene Faust in die Stores (Google Play, iTunes) und suchen dort nach Lösungen (1). Über Filter oder Suchkriterien lässt sich dort die Suche nach Gesundheits-Apps für ein bestimmtes Problem kaum eingrenzen (weder nach Sprache, Anbieter, Hilfefunktionen der Apps). Das erklärt die große Mühe, die mit dem Auffinden von Gesundheits-Apps verbunden ist. Darüber hinaus machen es die lückenhaften Informationen der Anbieter außerdem schwer bis unmöglich, die Vertrauenswürdigkeit und Sicherheit einer Gesundheits-App einzuschätzen und somit auch das Risiko, das für den Nutzer von der App ausgehen kann.

Wie kann man Verbraucher und Patienten helfen, vertrauenswürdige und nützliche Apps schneller zu finden?

In USA hat sich die Plattform Happtique entwickelt, in UK das Portal ORCHA und in Deutschland bietet HealthOn eine Datenbank mit unabhängig getesteten Gesundheits- und Medizin-Apps. Die Bewertungprozesse sind verschieden, die Suchmöglichkeiten über Kategorien und Unterkategorien ebenfalls. In allen drei Portalen sind hunderte von Gesundheits-Apps gelistet, die meisten bei ORCHA (> 700) gefolgt von HealthOn (> 600) und Happtique (>300) (Stand 11. Mai 2017).
Das Ergebnis aus dem Prüfprozess wird bei Happtique nach Schulnoten von A bis C ausgegeben, bei Orcha als Prozentwerte von 35 bis 98% in zwei Kategorien "Nutzen" und "Risiko". HealthOn verzichtet auf eine Bewertung des Nutzens und legt stattdessen offen, welche Unterstützungsfunktionen die App bietet, wie vollständig die Herstellerangaben zu Qualität- und Transparenz sind und welches Risiko von der App ausgehen kann abhängig von der individuelle Nutzung der App durch den Anwender (Risikoklasse 1 bis 4). Ziel ist es, Verbraucher bei der selbstbestimmten Auswahl und Nutzung von Gesundheits-Apps zu unterstützen (s. Checkliste Gesundheit-Apps) und damit letzlich auch einen Beitrag zur Verbesserung der Gesundheitskompetenz (1) zu leisten. Eine Expertenview bietet darüber hinaus Zusatzinformationen zur Orientierung für Ärzte und Krankenkassen.

Transparenter, reproduzierbarer Prüfprozess

Grundsätzlich sind die Bewertungen der Nutzer (Skala 1 bis 5) in den Stores ganz sicher ein erstes Indiz für Qualität und Nutzen - aus Sicht der Anwender. Auch die Kommentare und die Anszahl der Downloads: Eine App, die das Interesse von vielen hunderttausend Menschen wecken konnte und sehr häufig heruntergeladen wurde, kann so schlecht nicht sein, oder? Das Problem: Nur etwa 10 Prozent aller Gesundheits-Apps können das von sich behaupten, d. h. nur wenige Apps erreichen mehr als 50.000 Downloads (2). Die meisten liegen ungenutzt in den Stores, der Nutzer kann diese "nutzlosen" Apps nicht einfach ausblenden, und das ist ein Problem!

Wie geht das Team von HealthOn bei der Prüfung der Gesundheits-App vor?

Healthon sucht in den App-Stores - so wie Verbraucher - nach Stichworten und untersucht dann die Trefferlisten auf Apps, fischt die Apps heraus, die deutschprachig sind und kostenlos. Nur diese werden vom Team geprüft. Testkriterien (s. Online-Fragebogen App-Test für App-Anbieter)
Gescreent werden Indikationsgebiete mit hoher Public Health Bedeutung (Krankheitslast, Primärpävention SGB V § 20):

  1. Welche Unterstützungsfunktionen biete die App tatsächlich? Das erfordert einen strukturierten Prüfprozess, der zu reproduzierbaren Ergebnissen führen und für jeden nachvollziehbar sein muss. Ein interdiszpilinäre Team (Gesundheitswisenchaftler, HCP, Entwickler) testet die App nach definierten Kriterien.
  2. Wer ist der Anbieter der App, d. h. wer hat als App-Entwickler die App programmiert und wer tritt als Sponsor oder Kooperationspartner in Erscheinung und finanziert die App . In der Regel sind es unbekannte Anbieter, deren Vertrauenswürdigkeit ein Nutzer nicht einschätzen kann. In seltenen Fällen sind es Krankenkassen, Ärzteverbände, Selbthilfeorganisationen.
  3. Qualität der gesundheitsbezogenen Informationen. Hier werden die Kriterien angewendet, die nicht nur für Apps, sondern auch für jede andere Gesundheitsinformation, die in einer Broschüre oder auf einer Website in Richtung Patienten oder Verbraucher kommuniziert werden. Sie sind wissenschaftlich aktzeptiert: DISCERN-Intrument, HON-Code. Übertragen auf Apps sind dies die HealthOn-Ehrenkodex-Transparenz- und Qualtiätskriterien.
  4. Ist die App ein CE-gekennzeichnetes Medizinprodukt? Das sind bisher wenige Gesundheits-Apps, die zur Diagnose oder Therapie vom App-Anbieter beworben werden, d. h. dies Apps werden mit einer primären medizinischen Zweckbestimmung in Verkehr gebracht, ihre Prüfung regelt das Medizinproduktegesetz MPG.
  5. Gibt es wissenschaftliche Studien zur untersuchten App (RCT = randomisierte, kontrollierte Studien)? Das ist bei den meisten Gesundheits-Apps bisher nicht der Fall.
  6. Gibt es Empfehlungen von Selbsthilfeorganisationen oder Ärztlichen Fachgesellschaften, die an der Entwicklung der App mitgearbeitet haben, oder die die inhaltliche Güte oder die Nutzerfreundlichkeit der App bestätigen können.
  7. Alle Informationen aus der Testung der App werden in eine App-Datenbank überführt, so dass die Testergebnisse für Nutzer über verschiedene Filter- und Suchkriterien bzw. über eine intelligente App-Suche auffindbar werden.

Unabhängige Testung von Gesundheits-Apps erfordert Expertise, Zeit und Geld!

Akteure der Gesundheitswirtschaft, die den Nutzen einer transparenten, für Verbraucher und Patienten frei zugänglichen, unabhängigen Informationsplattform erkennen, sollten sich fördernd einbringen. Nur wenn Patienten und Verbraucher in der Lage sind, neue digitale Gesundheitsanwendungen zum eigenen Nutzen einzusetzen, z. B. in der Gesundheitsvorsorge oder im Selbstmanagement chronischer Krankheiten, lassen sich die Effizienpotentiale der Digitalisierung (3) heben. Digital Health Literacy zu fördern, z. B. mit einer orientierenden Plattform, die über digitale Gesundheitsanwendungen aufklärt, ist eine wichtige Basis für die Gestaltung der digitalen Transformationsprozese im Gesundheitswesen.

FAZIT:

Wir sind gespannt auf die konstruktiven Impulse, die im Nachgang vom Digital Gipfel der Bundesregierung ausgehen. Für die Weiterentwicklung von Qualtität, Transparenz und Nutzen digitaler Anwendungen ist die Kooperation aller Stakeholdern wichtig, d. h. die Zusammenarbeit von Nutzern, Anbietern und Empfehlern von Gesundheits-Apps sowie von Wissenschaft und Lehre. Digitalisierung der Gesundheitsversorgung lässt sich nicht per Gesetz beschließen - sie lebt - wie Kanzlerin Merkel formuliert - von Teamarbeit und Bündelung der unterschiedlichen Expertisen engagierter Akteure.

Quellen:

Kramer U, Beyer S, Scherenberg V (2014). GAPP study: Health Apps for information, prevention and patient support. Assessment of perceived risks, chances, hurdles and effective measures to realize future potential for healthcare system. GAPP-Studie. 5 - Contributions from Organisations p 255-275.  EU Consultation on Mobile Health. - See more at: https://www.healthon.de/blogs/2017/03/22/health-apps-untersch%C3%A4tzt-g... D, Berens EM, Vogt D: Health Literacy in the German population – results of a representative survey. Dtsch Arztebl Int 2017; 114:53-60. DOI: 10.3238/arztebl.2017.0053
  1. Kramer U, Beyer S, Scherenberg V (2014). GAPP study: Health Apps for information, prevention and patient support. Assessment of perceived risks, chances, hurdles and effective measures to realize future potential for healthcare system. GAPP-Studie. 5 - Contributions from Organisations p 255-275.  EU Consultation on Mobile Health
  2. HealthOn Dashboard Health-Apps
  3. Effizienzpotentiale durch eHealth: PwC-Studie im Auftrag von CompuGroup Medical und bvitg e. V. 4/2017
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Dr. Ursula Kramer - Die Ap(p)othekerin bloggt auf HealthOn

Die Bloggerin

Die Vision eines gerechten, patientenorientierten Gesundheitssystems treibt die Ap(p)othekerin Dr. Ursula Kramer an. Digitalisierung sieht sie als Möglichkeit, diesem Ziel näher zu kommen. Seit 2011 testet sie Qualität, Sicherheit und Anwenderfreundlichkeit von Gesundheits-Apps. Sie will Transparenz schaffen und digitale Gesundheitskompetenz fördern. Sie teilt die Erfahrung aus der Analyse von mittlerweile über 10.000 Apps in Blogbeiträgen, Vorträgen und Publikationen. Mehr...