Kassenverträge für Gesundheits-Apps: Per aspera ad astra?

  • Erstellt am: 09.08.2017
  • von: ursula.kramer

Das Ziel vieler Kapitalgeber, die Geld in ein Health Start-up investieren, ist die Erstattung einer digitalen Gesundheitsanwendung durch private oder gesetzliche Krankenkassen oder Pflegeversicherunen. Dieses Wertschöpfungsmodell nutzt gebahnte Wege, über die sich im regulierten Gesundheitswesen von jeher Geld verdienen lässt. Erreicht haben dieses Ziel bisher wenige digitale Gesundheitsanwendungen: Die digitalen Pioniere hierzulande lassen sich an einer Hand abzählen (1). Doch selbst wenn es gelingt, mit vielen Kranken- und Pflegekassen Versorgungsverträge abzuschließen, bedeutet das nicht automatisch den ersehnten wirtschaftlichen Durchbruch für die Anbieter.

Ein Beispiel: Hinter den derzeit 19 Vertragspartnern von Tinnitracks steht in der Summe eine Versichertengemeinschaft von über 33 Millionen Menschen. Vom Krankheitsbild Tinnitus sind ca. 4 Prozent betroffen (2,3), die Prävalenz nimmt mit dem Alter deutlich zu. Hochgerechnet auf die 33 Mio. Versicherte, sind das ca. 1,3 Millionen Versicherte, die als Betroffene Tinnitus-Patienten für das Angebot theoretisch in Frage kommen könnten.

Nutzung von kassenfinanzierten Apps: Die Hürden

Für Tinnitracks wird in Google Play derzeit die Kategorie 10.000 bis 50.000 Downloads ausgewiesen, d. h. die Zahl der Versicherten, die die App mindestens einmal heruntergeladen hat, ist kleiner als 50.000. Nur ein Bruchteil der Anspruchsberechtigten wird erreicht. Warum ist das so? Hier einige Erklärungsversuche:

  1. Sichtbarkeit kassenfinanzierter Apps im Versorgungsprozess
    Woher weiß der Patient, dass es die digitalen Innovationen als Kassenleistung überhaupt gibt, und woher weiß der Arzt, dass die Kasse des Patienten diese App erstattet? In der Beratungssituation würden Empfehlungslisten helfen, die genau diese Information bereitstellen, wie sie z. B. über HealthOn in der Expertenview für Ärzte verfügbar sind.
  1. Individuelle Bereitschaft und Möglichkeiten der Versicherten, die App erstmals oder als Alternative oder Ergänzung zur bisherigen Tinnitus-Therapie zu nutzen.
    1. Der Leidensdruck der Patienten spielt eine entscheidende Rolle: Wie gut sind Patienten bisher versorgt, d. h. wie hoch ist der subjektive Bedarf der Patienten für eine App, die hilft, den behandlungsbedürftigen Tinnitus zu therapieren?
    2. Wie ist es mit der Digital Health Literacy der Versicherten bestellt, d. h. sind die Betroffenen in der Lage, die App zu nutzen? Die Tinnitus-Prävalenz steigt mit dem Lebensalter deutlich an (2,3), d. h. das App-Angebot muss auch von älteren Betroffenen genutzt werden können.
  1. Bereitschaft der Therapeuten, in diesem Fall der HNO-Ärzte, die App zu verordnen.
    1. Wie gut schneidet die App im Vergleich zu bisherigen Therapieansätzen ab: Ergebnisse aus kontrolliertem Studien (4, 5), Ergebnisse zum Netto-Nutzen unter Alltagsbedingungen?
    2. Steht die App mit Leistungen in Konkurrenz, die derzeit besser bezahlt werden, so dass es für Ärzte keine Anreize gibt, die Therapie zu testen?

Kassen schließen u. a. Verträge mit App-Anbietern ab, um digitale Anwendungen unter Praxisbedingungen zu prüfen. Sie wollen sehen, ob sich – bei gleicher oder besserer Versorgungsqualität – darüber hinaus auch Kosten einsparen lassen. Diesen Nachweis zu erbringen, das kostet Zeit und Geld. Ohne die Bereitschaft von Patienten und Ärzten, die Anwendung zu testen, kann ein System letztlich nicht überzeugen. Um Erkenntnisse über den zukünftigen Stellenwert von Apps als Bausteine in Versorgungsprozessen zu erhalten, fließen daher auch Mittel aus dem Innovationsfonds in die Evaluation digitaler Versorgungslösungen (6).

FAZIT: Kapital und Marktzugang und damit die Erreichbarkeit von Patienten und Ärzten –  sind auch für digitale Innovationen die Basis für Erfolg im Gesundheitsmarkt. Etablierte Marktakteure, die den Marktzugang kontrollieren, haben daher gute Chancen auch im digitalisierten Gesundheitswesen der Zukunft zu den Gewinnern zu zählen
In zunehmendem Maße interessieren sich auch die sog. Big Five für den Gesundheitsmarkt: Facebook, Google, Apple, Microsoft und Amazon. Sie besitzen genug Kapital, um zum Sturm auf das Gesundheitssystem zu blasen (7) und als Entdecker Neuland zu betreten. Mit Kapital lassen sich digitale Pioniere zum richtigen Zeitpunkt auch von Big Pharma schlucken (8).

Digital Health Pioniere brauchen einen langen Atem

Digitale Versorgungskonzepte sind auch Prestigemodelle, mit denen etablierte Marktteilnehmer – z.B. Kostenträger -  öffentlichkeitswirksam ihren Innovationsanspruch in Szene setzen und damit vor allem junge, technikaffine Versicherte mit geringem Krankheitsrisiko ansprechen. Diese Unternehmen zeigen sich gerne an der Seite dynamischer Digital Health Pioniere, die „noch nicht“ wissen, was alles nicht geht, sondern mit erfrischender Hands-on-Mentalität nach Lösungen suchen, um Gesundheitsversorgung zu verbessern.Jenseits der Sonntagsreden lähmen Diskussionen um Zuständigkeiten und mangelnde Risikobereitschaft der angestammten Akteure die Experimentierfreude und engen das Testfeld für Innovationen deutlich ein. Deutschland liegt im europäischen Vergleich in Sachen Digitalisierung weit hinten, nicht nur im Gesundheitsmarkt (9, 10). Digitalisierung lebt von der Bereitschaft zu kleinen Schritten. Auch wenn die perfekte Lösung (noch) nicht in Sicht ist, brauchen Entscheider die Bereitschaft zum Scheitern und die Einstellung, dass Irrwege als Zwischenetappen zum Ziel in lernenden Strukturen ausdrücklich erlaubt sind.

  1. Erstattung von Digital Health Innovationen: Kassenverträge. HealthOn Juli 2017
  2. Hörstörungen und Tinnitus. Robert Koch-Institut Themenheft 2006.
  3. Tinnitus-Liga: Zahl der Betroffenen - 1,5 Mio.in Deutschland mit mittelgradig bis unerträglichem Tinnitus. 10 Mio. leiden unter Ohrgeräuschen.
  4. Tailor-made notched music training (TMNMT). Stein et al., BMC Neurology (2016). 16: 38
  5. Stellungnahme der Deutschen Tinnitus Liga Juni 2016.
  6. GBA Innovationsfonds: Rise-uP – Rücken innovative Schmerztherapie mit e-Health für unsere Patienten.
  7. Amazon has a secret health tech team called 1492 working on medical records, virtual doc visits. cnbc 2017/07/26
  8. Pharma-Riese Roche kauft Start-up mySugr. Gründerszene 30.06.2017
  9. BDI. Innovationsindikator 2017. Schwerpunkt Digitale Transforamtion. Juli 2017.  Bundesverband der Deutschen Industrie e. V. (BDI); acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften e. V.
  10. European Commission. Piotr Arak and Anna Wójcik (Polityka Insight), 2017. Transforming eHealth into a political and economic advantage.
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