Apotheker 4.0: Digitalisierung verändert das Berufsbild

  • Erstellt am: 05.09.2017
  • von: ursula.kramer

Die klassischen Handlungsfelder von Apothekern - Arzneimittel ausliefern, Arzneimittelsicherheit gewährleisten, Arzneimittelberatung von Apothekenkunden - das sind Tätigkeiten, die durch digitale Logistikkonzepte und durch intelligente Chat-Bots in absehbarer Zukunft sehr wahrscheinlich kostengünstiger und ohne erkennbaren Qualitätsunterschied für den Verbraucher bzw. Patient erbracht werden können. Die Digitalisierung hat große Auswirkungen auf den Apothekerberuf (1). Wenn sich Apotheker auf die klassischen Handlungsfelder beschränken, könnten Versandapotheken und neue Akteuere wie Amazon (2), durchaus zur Gefahr werden. Andererseits bietet die Digitalisierung gerade für Apotheker auch viele Chancen, ihr Leistungsprofil auszubauen und in der digitalisierten Gesundheitsversorgung mit neuen, patientenorientierten Dienstleistungen eine zentrale, neue Rolle einzunehmen. Sie können mit vielen Stärken punkten: Pharmazeutisches Expertenwissen, das auf einem sehr breiten, naturwissenschaftlichen Fundament gründet, Unabhängigkeit und Nähe zum Kunden und seiner Lebenswelt. Deshalb sind gerade Apotheker in der Lage, Antworten zu finden auf drängende Fragen, die angesichts des demographischen Wandels und des wachsenden Kostendrucks nach neuen Versorgungskonzepten rufen:

  • Wie bleibt der Patient gesund?
  • Wie lassen sich Behandlungskosten einsparen?
  • Wie lässt sich die Patientenversorgung verbessern?
  • Was will der Patient? Was hilft dem Patienten?

Individualisierte Gesundheitskonzepte aus der Hand des Apothekers

Anders als der Arzt, hat der Apotheker auch Kontakt zu den "noch" gesunden Mensch. Im Gesundheitssystem der Zukunft, das der Prävention einen größeren Stellenwert einräumt (3), kann er diesen Kontakt nutzen, damit

  • Vorsorge- und Präventionsleistungen von Bürgern verstanden und in Anspruch genommen werden,
  • die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung gestärkt wird. Jeder zweite in Deutschland verfügt über eine mangelnde Gesundheitskompetenz (4).
  • die Motivation zu einem gesundheitsförderlichen Lebensstil immer wieder Impulse erhält, in Kindheit, Jugend, im Erwachsenen- und Seniorenalter.

Der Apotheker, der vor Ort ist, der das Umfeld und die Familien kennt, das Vertrauen seiner Kunden genießt, kann zur Anlaufstelle werden für Gesundheit in der digitalisierten Welt von morgen. Wenn Informationsflut und Intransparenz der Angebote wachsen, wächst auch der Bedarf nach einer Anlaufstelle, die z. B. die vielen Daten, die Patienten in Apps und Wearables erfassen, entschlüsseln und in eine individualisierte Präventionsstrategie überführen kann. Das kann der Apotheker sein.

Vom Arzneimittel- zum Therapieadhärenz-Fachmann

Wenn es in Zukunft durch die Digitalisierung besser möglich sein wird, sog. Patienten reported Outcomes (PRO), d. h. den Nutzen von Therapien für Patienten zu erfassen, und sich die Honorierung nicht an den erbrachten Leistungen, sondern an den erzielten Ergebnissen orientiert (Pay-for-performance, value-based care), dann werden Apotheker und Arzt sehr wahrscheinlich, viel stärker als bisher, zu Verbündeten in Sachen Adhärenz. Denn eine schlechte Therapieadhärenz macht das Behandlungsergebnis zunichte. Die bloße Erinnerung an Tabletten ist nicht der Schlüssel zu besserer Adhärenz, das zeigen wissenschaftliche Studien (5). Die Ursachen schlechter Adhärenz zu erkennen u. a. durch Einbeziehung von Patienten und durch Prozessanalyse, und sie durch geeignete Ansätze zu verbessern, ist eine große Herausforderung. Komplexe Behandlungsabläufe, medikamentöse Interventionen, sowie nichtmedikamentösen Therapieverfahren und deren Zusammenspiel sind zu analysieren. Wenn sich der Apotheker vom Arzneimittel- zum ganzheitlichen Adhärenzberater entwickelt, resultieren daraus neue Handlungsfelder, die andere Honorierungsmodelle erfordern. Der Apotheker, der Arzneimittel einspart und mit seinen Dienstleistungen Behandlungsergebnisse verbessert, wird dann auch für diese Leistungen mit einem Honorar bezahlt. Damit sind auch Verteilungskämpfe vorprogrammiert.

  • Beispiel: Gerade in der Chronikerbetreuung könnte die Polymedikation durch eine Synchronisierung des Arzneimittelbedarfs vereinfacht werden. Einmal im Monat nach vorheriger Terminabstimmung mit dem Apotheker, könnte der Chroniker alle seine Dauerarzneimittel für die nächsten 4 Wochen abholen. Das würde Raum schaffen für das Gespräch zwischen Apotheker und Patient, z. B. über Probleme bei der Einnahme. Der Austausch über Verträglichkeit und Wirksamkeit einer Dauermedikation, d. h. das individuelle Medikationsmanagement, könnte die Therapieführung unterstützen. Auf dieser Basis und unter Einbeziehung des Arztes ließe sich die Therapie fortlaufend anpassen. Sind die Daten - voraussichtlich ab 1. Jan. 2019 - in einer elektronischen Patientenakte (ePA) zusammengeführt und von Arzt und Apotheker nach Zustimmung des Patienten einsehbar, eröffnen sich neue Chancen für eine Verbesserung der Patientenversorgung.

Digitalisierung schafft damit neue Möglichkeiten für eine Individualisierung bzw. Personalisierung des Medikationsmanagements. Dazu kann dann auch die Feststellung des Schulungsbedarfs gehören und die Unterstützung beim vereinfachten Zugang zu maßgeschneiderten Angeboten, z.B. in Form von Videos, die über die richtige Einnahme von Arzneimitteln, über Vermeidung von Fehlern bei der Messung von Riskikofaktoren im Selbstmangement, über Möglichkeiten und Grenzen bei der Interpretation von Daten aus Apps und Wearables etc. aufklären.

Apotheken in der Schweiz

  • Telemedizinische Versorgung in Apotheken: In der Schweiz hat die erste Apotheke mit einem telemedizinsichen Versorgungseinheit bereits eröffnet (6). Patienten können dort ohne Termin in die Apotheke kommen, um Bagatellbeschwerden und kleinere Verletzungen behandeln zu lassen. Mit einem Algorithmus, den Apotheker und Ärzte gemeinsam entwickelt haben, wird in einem Triage-Prozess abgeklärt, ob ein Arzt erforderlich ist. Dieser wird bei Bedarf per Video zugeschaltet. Telemedizinische Ärzte schauen sich den Patienten per Video-Chat an. Gegebenenfalls notwendige Laboruntersuchungen werden direkt in der Apotheke durchgeführt. Bei Verordungen rezeptpflichtiger Arzneimittel, z. B. von Antibiotika, wird das Rezept vom Tele-Arzt direkt in die Apotheke gefaxt, so dass der Patienten das Rezept sofort einlösen und das Arzneimittel mitnehmen kann. Vorteile für den Patient: Zeit- und Kostenersparnis durch einfacheren Zugang zu Versorgungsleistungen. Vorteile für das System: Entlastung der Hausarztpraxen, die ihre Ressourcen auf die behandlungsbedürftigen Patienten konzentrieren können.
  • Impfungen in Apotheken: In der Schweiz hat sich das Bild des Apothekers bereits deutlich in Richtung Leistungserbringer entwickelt. Da Impfpässe digitalisiert sind, können Arzt und Apotheker gemeinsam aktiv werden und z. B. Impfberatung anbieten und Grippe-, Pneumokkoen- und Masern-Impfungen durchführen - ohne Termin. Der Apotheker erwirbt eine entsprechende Zusatzqualifikation als Impf-Apotheker.
  • Antibiotika-Coach zur Verhinderung von Resistenzentwicklungen (7): Der Patient erhält zusammen mit seinem Antibiotikum in der Apotheke den QR-Code einer App, in der das verordnete Dosierschema hinterlegt ist. Der Patient bestätigt die Einnahme jeder Dosis und wird - bei Vergessen - an die Einnahme erinnert. Erklärende Hinweise zu Einnahme sowie zu den Gefahren der Resistenzentwicklungen fördern das Verständnis und sollen auf diesem Weg die Therapieadhärenz unterstützen. Arzt und Apotheker unterstützen den Patienten mit dem Antibiotika-Coach gemeinsam über die Dauer der Therapie und bleiben ansprechbar, z. B. für Rückfragen.

Blick nach England: Notdienst-Telefon zu Abklärung des Behandlungsbedarfs

  • Auch hier bahnt die Digitalisierung neue Wege: So bietet in England der National Health Service (NHS) zusätzlich zum Notdienst-Telefon einen Chat-Bot an (8), der auf Basis von Algorithmen den Patienten interviewt und zu einer Handlungsempfehlung kommt, d. h. ist ein Arztbesuch notwendig oder nicht? Der Chat-Bot ist durch den Einsatz künstlicher Intelligenz (KI) so konzipiert, dass Patienten nicht merken, dass sie mit einer Maschine sprechen. Der Chat-Bot schneidet bei der Qualitätsbeurteilung durch die Care Quality Commission CGC sehr gut ab und soll in einer Studie mit 1 Million Nutzern evaluiert werden.

Arzneimittelversorgung der Zukunft: Individualisiert, ganzheitlich, sicher

Verbraucher und Patienten sind sehr interessiert an und offen für telemedizinsiche Leistungen (9) und digitale Gesundheitsanwendungen (10). Sie wünschen sich Orientierung, um diese neuen Angebote selbstbestimmt nutzen zu können (11). Die Erwartungen an die wirtschaftlichen Potentiale der Digitalisierung im Gesundheitswesen sind enorm (12). Vorausssetzung für die Hebung dieser Potentiale ist die Einführung einer digitalen Patietenakte (ePA) als zentrale Anwendung einer sicheren Telematikinfrastruktur (TI), die Leistungserbringer, Kostenträger und Apotheker untereinander und mit Patienten verbindet. Erst dann können z. B. auch Medikations- oder Companion-Apps, die bisher kaum genutzt werden (13, 14), dazu beitragen, die Therapie zu individualisieren und zu optimieren (15). Das Rollenbild des Apothekers wird sich wandeln (16), die Komplexität seiner Aufgaben und die Gestaltungsmöglichkeiten wachsen. Gute Nachrichten für Nachwuchs-Pharmazeuten, die sich eine Zukunft in der klassischen Offzin-Apotheke nicht mehr vorstellen können und in der Digitalisierung ihre Chancen erkennen und nutzen wollen.

  1. Friedrich S. Was Digitalisierung und Telematik für Apotheken bedeutet? Was macht die ABDA?. Deutsche Apotheker Zeitung, März 2017
  2. Amazon startet Arzneimittelversand mit Münchner Apotheke. Deutsche Apotheker Zeitung, Mai 2017
  3. Präventionsgesetz 2017.
  4. Schaeffer D, Berens EM, Vogt D: Health Literacy in the German population – results of a representative survey. Dtsch Arztebl Int 2017; 114:53-60. DOI: 10.3238/arztebl.2017.0053
  5. Study: Pillbox Gadgest Do nothing to improve Rx Adherence, Feb. 2017
  6. Erste Medgate Mini-Clinic eröffnet in Basel. Sept. 2017
  7. Antibiotika-Coach toppharm Apotheken, Schweiz
  8. Rich E. Künstliche Intelligenz lässt die Kassen aufatmen. CHANGE Feb. 2017
  9. Bitkom Research 9/2016. Befragung Telemedizin
  10. Bikom 5/2017. Fast jeder zweite nutzt Gesundheits-Apps.
  11. Kramer U, Zehner F (2016). Diabetes-Management mit Apps: Derzeitige und zukünftige Nutzung, Einstellungen, Erfahrungen und Erwartungen von Diabetikern. Online-Befraung von Diabetikern. Diabetologie und Stoffwechsel 2016, 11 - P118
  12. Effizienzpotentiale durch eHealth: PwC-Studie im Auftrag von CompuGroup Medical und bvitg e. V. 4/2017
  13. Healthon: Adhärenz verbessern mit App: Wunsch & Wirklichkeit, Mai 2017
  14. HealthOn: Pharma-Apps: Multifunktionale Adhärenz-Helfer mit Potential, März 2017
  15. HealthOn: Adhärenz 2020: Companion-Apps, digital Coaches, Health-Bots, März 2017
  16. American Pharmacists Association: Technology: Will it help or hurt the future of pharmacy practice? Mai, 2015

 

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