Arzneimittelversorgung der Zukunft: Digital & patientenzentriert

  • Erstellt am: 17.01.2018
  • von: ursula.kramer

Wie tiefgreifend die Veränderungen sein werden, die sich durch Nutzung digitaler Technologien in der Entwicklung und Anwendung pharmazeutischer Versorgungskonzepte zukünftig ergeben können, lassen zwei richtungsweisende FDA-Zulassungen erahnen: Ein orales Arzneimittel mit integriertem Sensor, das es möglich machen will, die Therapieadhärenz des Patienten mit einer App aufzuzeichnen, zu analysieren und möglicherweise so zu verbessern (1), und das erste Arzneimittel aus einem 3-D-Drucker, das die Türe zu individualisierten Arzneimitteltherapien von morgen weit aufgestoßen hat (2).

Die Bandbreite der Einsatzgebiete digitaler Gesundheitsanwendung ist heute schon enorm (3): Längst werden sie in klinischen Studien genutzt und erfassen, zum Teil bereits ohne das aktive Zutun der Probanden, Müdigkeit und Aktivitätsgrad unter der Arzneimittelgabe, Aspekte, die für die Einschätzung der sog. Patient reported Outcomes von großer Bedeutung sind. Die Fülle und Vielfalt neuer Daten, die in die Nutzenevaluation einfließen, werden zukünftige Market Access Strategien wesentlich verändern. Auch sog. Companion-Apps, die in zunehmendem Maße von Arzneimittelherstellern therapiebegleitend angeboten werden, werden primär als smarte Adhärenzhelfer positioniert. Die Hersteller erwarten sich allerdings auch neue Erkenntnisse im Hinblick auf die Arzneimittelsicherheit ihrer Produkte jenseits kontrollierter Studienbedingungen (3).

Herr der eigenen Daten, Herr der Gesundheit?

Digitalisierung im Gesundheitskontext fasziniert längst nicht mehr nur Gesundheitsstrategen, Finanzinvestoren und technikaffine Freaks. Auch wenn der wissenschaftliche Nachweis ihrer Wirksamkeit größtenteils noch aussteht (4), ist das Interesse an diesen Angeboten groß. Zu den frühen Nutzern aus den Reihen der Selbstvermesser (Quantified-Self-Bewegung) haben sich längst viele, ganz normale Patienten gesellt. In der Hoffnung auf Unterstützung in der Alltagsbewältigung gehen sie in der Regel auf eigene Faust in die App-Stores von Google und Apple. Auf ihrer Entdeckungsreise betreten sie dabei unwegsames Gelände: Im globalen Dschungel der mittlerweile über 140.000 Gesundheitsapps hilfreiche, sichere und vertrauenswürdige Angebote zu finden, strapaziert ihre Geduld und führt sie an ihre Grenzen (5). Therapeuten und Verbraucherschützer rufen nach staatlicher Regulierung und besserer Qualitätskontrolle, fordern gar eine „Zulassung“ für Gesundheits-Apps, obwohl es diese für Apps zur Diagnose oder Therapie von Krankheiten in Form der Medizinprodukteverordnung längst gibt (6). Die wenigen Apps, die als Medizinprodukte CE-gekennzeichnet sind, sind ebenso wenig bekannt , wie die Orientierungshilfen, die Verbraucher und Patienten aber auch Therapeuten und Apotheker bei der Auswahl vertrauenswürdiger nutzen könnten (7). Trotz allem greift in Deutschland jeder Zweite zu Gesundheits-Apps (8) und jeder Dritte kann sich für digitale Fitnesstracker oder Smartwatches begeistern (9), um z. B. Schlaf- und Aktivitätsmuster, Stresslevel und Herzrhythmus aufzuzeichnen, mögliche Auffälligkeiten zu entdecken und zu optimieren.

Frei nach dem Motto, was man messen kann, kann man auch steuern, wird die Offenheit für digitale Anwendungen wohl häufig vom Wunsch getrieben, endlich auch Herr der eigenen Gesundheit werden zu können und „mündiger“ zu sein. Mündige Patienten, das wünschen sich auch die Krankenkassen. Private wie gesetzliche Kassen nutzen Gesundheits-Apps deshalb als neue Werkzeuge, um sich bei jungen, gesunden Versicherten und Familien in Stellung zu bringen. Vermeintlich gesundheitsbewusstes Verhalten wird belohnt, Bonusprogramme werden über Apps wie „Fit mit AOK“ gesteuert, die mit Fitness-Armbändern gekoppelt sind, und sogar den Besuch ihrer Nutzer in kooperierenden Fitness-Studios aufzeichnen können. Auch für Patienten, die mit Asthma, Migräne oder Diabetes kämpfen, bieten Krankenkassen digitale Patiententagebücher an. Sie sollen anhand ihrer digitalen Aufzeichnungen erkennen, was ihnen guttut, wie Arzneimitteleinnahme und unerwünschten Wirkungen zusammenhängen, ob Ernährungsgewohnheiten, Wetterdaten oder z. B. auch ,Beziehungsstress die Symptome verschlimmern, und wo sie in der realen Versorgungswelt Hilfe von qualifizierten Schmerztherapeuten finden. Sind Apps möglicherweise neue Instrumente, um Fehl-, Über- und Unterversorgung zu erkennen und steuern zu können? Die wissenschaftlichen Belege dafür stehen aus. Nur einige wenige Apps werden von Krankenkassen im Rahmen von Selektivverträgen erstattet (10) oder im Rahmen von Projekten des Innovationsfonds wissenschaftlich evaluiert (11). In die Regelversorgung hat es noch keine dieser Apps geschafft.

Digitale Gesundheitsassistenten: Gut & günstig?

Was für Internetnutzer Dr. Google, ist für den digitalen Omnivoren schon heute der persönliche, digitale Gesundheitsassistent. Als App in der Hosentasche (z. B. Ada - Deine Gesundheitshelferin ) oder als Alexa von Apple oder Echo von Amazon sind sie an sieben Tagen die Woche rund um die Uhr erreichbar, verstehen jede Sprache, sind stets geduldig, gut gelaunt und werden niemals müde, bereitwillig Auskunft zu erteilen, mögliche Ursachen für Befindlichkeitsstörungen oder handfeste Krankheitssymptome einzugrenzen und eine erste Empfehlung zu geben. Vielleicht erledigt sich so der Gang in die Apotheke oder zum Arzt, der ist Patient beruhigt oder glaubt zu wissen, was zu tun ist. Das ist praktisch, spart Zeit und Geld, nicht nur dem Patienten, sondern möglicherweise auch dem Gesundheitssystem. Deshalb lässt der National Health Service in England Patienten über das Notdienst-Telefon von einem Chat-Bot (12) interviewen, der über Algorithmen Handlungsempfehlungen ableitet und nahelegt, ob ein Arztbesuch notwendig ist oder nicht. Dieser Chat-Bot, der bei der Qualitätsbeurteilung durch die Care Quality Commission CGC sehr gut abgeschnitten hat, lässt sich neuen Erkenntnissen nach, von Patienten offensichtlich überlisten. Diese lernen schnell, wie sie die künstliche Intelligenz austricksen können, um möglichst doch zu einem Arzt aus Fleisch und Blut vermittelt zu werden (13).
Noch nicht mit Chat-Bots, dafür aber mit Teleärzten versucht das Modellprojekt „Doc Direkt“ hierzulande Geld einzusparen. Die KV Baden-Württemberg wird ab März 2018 prüfen, ob sich Patienten davon Teleärzten davon abhalten lassen, mit Bagatellerkrankungen die Notdienstambulanzen der Krankenhäuser anzusteuern(14).

Die Vorteile des Einsatzes von Chat-Bots in der initialen Abklärung des Behandlungsbedarfs (Triage) oder auch in der Steuerung von Selbstbefähigungsprogrammen z. B. für Rückenschmerzpatienten, liegen auf der Hand: Sie sind günstiger zu haben als individuelle Beratung über Hotlines oder durch Arzt oder Apotheker, und sie sind für ihre Nutzer sehr einfach zugänglich und völlig kostenlos. Nicht ganz - denn mit den vielen personenbezogenen Gesundheitsdaten füttern die Anwender nicht nur die künstliche Intelligenz dieser Chat-Bots, sondern auch riesige Datenbanken. Die Auswertung dieser millionenfach erhobenen Daten über sog. Big Data Algorithmen kann zukünftig – mit dem Einverständnis der Patienten - zu wissenschaftlichen Zwecken genutzt werden. Daran knüpft sich die Hoffnung, Ursachen von Erkrankungen besser zu verstehen oder die Wirksamkeit von Präventions- und Therapiemaßnahmen zu evaluieren und zu optimieren – und so möglicherweise zum Gemeinwohl aller beizutragen. Auch für Unternehmen sind diese Datenpools interessante Quellen. Sie suchen nach wirtschaftlich interessanten, neuen Dienstleistungs- und Produktangebote, um im attraktiven, stark wachsenden Gesundheitsmarkt etablierte Wertschöpfungsketten auszuhebeln und klassische Marktteilnehmer zu verdrängen. Sie blasen zum Eroberungsfeldzug, wie Amazon zeigt, das zu diesem Zweck in 2017 eigens das Team 1492 gegründet hat. Die Übernahme einer Diabetes-App durch Roche Diagnostics zeigt, dass auch etablierter Marktteilnehmer um ihren Platz in der digitalen Versorgungswelt kämpfen. Die Nutzerbasis von über einer Million Diabetiker war dem Unternehmen mehr als 70 Mio. Euro wert (15).

Digitale Disruption in der Arzneimittelversorgung

Wo haben Apotheker in der Welt von morgen ihren Platz? Alle Aufgaben, die Maschinen besser und günstiger manchen können, als der qualifizierte Arzneimittfachmann, werden sie zukünftig wohl auch übernehmen. Digitale Logistikkonzepte könnten klassische Vertriebskanäle verdrängen, Pilotprojekte zur Arzneimittelbelieferung, z. B. durch den Prime Dienst des Online-Händlers Amazon in München und Berlin werden bereits ausgetestet (16), Vorstöße von Versandapotheken in Richtung Abgabeautomaten (17) sowie die Einrichtung von Online-Rezeptsammelstellen in Baden-Württemberg sind Ansätze, um die Arzneimittelversorgung in ländlichen Gebieten zu verbessern.

Wo sich klassische Tätigkeiten des Apothekers verändern, entstehen gleichzeitig Freiräume, für Präventions- und Versorgungskonzepte, deren Qualität, Effizienz und Patientenorientierung durch neue pharmazeutische Leistungen des Apothekenteams verbessert werden können. Mit pharmazeutischem Expertenwissen sind unabhängige Apotheker mit direktem Zugang zu Verbrauchern und Patienten und deren Lebenswelten in einer guten Position, zukünftige Herausforderungen zu lösen, die sich angesichts des demographischen Wandels und des wachsenden Kostendrucks in allen modernen Industriegesellschaften stellen:

  • Wie bleiben Menschen länger gesund?
  • Wie lässt sich die Patientenversorgung verbessern?
  • Was will der Patient? Was hilft dem Patienten?
  • Wie lassen sich Behandlungskosten einsparen?

Neue Gesundheitsdienstleistungen erfordern andere Honorierungsmodelle

Anders als der Arzt, hat der Apotheker auch Kontakt zur "noch" gesunden Bevölkerung. Im Gesundheitssystem der Zukunft, das der Prävention einen größeren Stellenwert einräumen wird (18), muss der Apotheker diesen Vorteil stärker als bisher nutzen:

  • Studien zeigen, dass der Schulterschluss zwischen Apothekern und Ärzten in der Ansprache, Aufklärung und Beratung zum Beispiel zu Impfleistungen Wirkung zeigt (19). Die strukturierte Ansprache von Apothekenkunden sowie deren Aufklärung über gesetzliche Vorsorge- und Früherkennungsuntersuchungen sowie auf Impfungen, ist ein Handlungsfeld mit gesamtgesellschaftlicher Bedeutung, das als honorierte Leistung das Berufsbild des Apothekers sinnvoll erweitern kann. 
  • Über die Hälfte aller Deutschen verfügt über eine mangelnde Gesundheitskompetenz (20). Im Zeitalter der Digitalisierung verschärft sich dieses Problem durch neue Herausforderungen, die mit der Nutzung telemedizinsicher Angebot und digitalisierter Gesundheitsanwendungen verbunden sind. Der Bedarf nach einer Anlaufstelle wächst, die z. B. die vielen Daten, die Patienten in Apps und Wearables erfassen, entschlüsseln und in eine individualisierte Präventionsstrategie überführen kann. Das kann der Apotheker sein. Er kennt das Umfeld und die Familien, er genießt das Vertrauen seiner Kunden und kann qualitätsgesicherte Angebote zur Unterstützung einer gesunden Lebensführung empfehlen, wenn er sich denn kundig macht und zukünftig für diese Leistung bezahlt wird.

Vom Arzneimittel- zum Therapieadhärenz-Fachmann

Wenn die Digitalisierung Möglichkeiten eröffnet, sog. Patienten reported Outcomes (PRO) besser als bisher über Apps und Wearables zu erfassen und einzubinden (21), und sich die Honorierung zukünftig weniger an den erbrachten Leistungen als an den erzielten Ergebnissen orientiert (Pay-for-performance, value-based care), dann werden Apotheker, Ärzte, Pflegekräfte und Psychotherapeuten sehr wahrscheinlich, viel stärker als bisher, zu Verbündeten in Sachen Adhärenz. Denn schlechte Therapieadhärenz gefährdet den Behandlungserfolg aller. Die Ursachen schlechter Adhärenz sind vielschichtig. Sie zu erkennen und die Probleme zu beheben, erfordert die Einbeziehung der Ziele, Möglichkeiten und Präferenzen von Patienten, sowie die Analyse des gesamten Versorgungsprozesses, die bloße Erinnerung an die Medikation durch technische Unterstützungshilfen reicht nicht aus, das zeigen wissenschaftliche Studien (22). Ein Apotheker, der seine Handlungsfelder erweitert und vom Arzneimittelfachmann zum ganzheitlichen Adhärenzberater wird, der auch pharmaökonomische Expertise einbringt und Versorgungsprozesse analysiert, verbessert die Versorgungsqualität und spart dabei u. U. Behandlungs- und Arzneimittelkosten ein. Auch für die Leistungen im Medikationsmanagement müssen neue Honorierungsmodelle – losgelöst vom Arzneimittelabsatz – gefunden werden.

Medikationsmanagement: Termin beim Apotheker

Die wachsende Zahl von Chronikern und alten Menschen mit Polymedikation birgt besondere Gefahren für die Arzneimitteltherapiesicherheit. Wird der Arzneimittelbedarf durch den Apotheker bei einem Medikationscheck regelmäßig erfasst und die Belieferung mit Arzneimitteln synchronisiert, so vereinfacht sich die Therapie für den Patienten: Einmal im Monat könnte der Chroniker im Rahmen eines Medikationsgespräches mit seinem Apotheker die Dauerarzneimittel für die nächsten vier Wochen abholen und dabei Probleme bzw. Erfahrungen bei der Einnahme besprechen. Durch den Austausch über Verträglichkeit der Medikation und die Erreichung vereinbarter Therapieziele, ließe sich die Therapie fortlaufend anpassen und im elektronischen Medikationsplan entsprechend abändern. Außerdem könnte der Apotheker im Gespräch den Schulungsbedarf feststellen und Patienten Hinweise geben auf maßgeschneiderte Hilfeangebote, wie digitale Symptomtagebücher mit Erklärvideos, die Patienten zeigen, wie Arzneimittel richtig angewendet oder Fehler beim Blutdruck- oder Blutzuckermessen vermieden werden können. Der Apotheker könnte die in Apps und Wearables erfassten Daten gemeinsam mit dem Patienten interpretieren und Handlungsempfehlungen daraus ableiten.

Der Apotheker als zukünftiger Erbringer medizinischer Leistungen: Beispiele aus der Schweiz

Warum soll die Apotheke im digitalisierten Gesundheitssystem der Zukunft nicht auch in der Versorgungsteuerung mitwirken und direkt vor Ort in der Apotheke mit ausgewählten medizinischen Leistungen die Versorgungseffizienz verbessern. Wie das gehen kann, zeigen einige aktuelle Bespiele aus der Schweiz:

  • Telemedizinische Versorgung in Apotheken: Im September 2017 hat in der Innenstadt von Basel die erste Apotheke mit einer telemedizinischen Versorgungseinheit eröffnet (23). Passanten können ohne Termin in die Apotheke kommen, um Bagatellbeschwerden und kleinere Verletzungen behandeln zu lassen. Ob ein Arzt zu weiteren Abklärung erforderlich ist, fragen die Apotheker anhand eines Algorithmus ab, den Apotheker zusammen mit Ärzten entwickelt haben. Falls erforderlich, wird der Arzt per Video hinzugeschaltet. Im Video-Chat spricht der Arzt mit dem Patienten, klärt ab, ob Laboruntersuchungen notwendig sind. Wenn ja, werden diese direkt in der Apotheke erbracht. Rezepte, z. B. für Antibiotika, faxt der Tele-Arzt direkt in die Apotheke, wo sie sofort eingelöst werden können. Vorteile für den Patienten: Zeit- und Kostenersparnis durch einfacheren Zugang zu Versorgungsleistungen. Vorteile für das System: Entlastung der Hausarztpraxen, die ihre Ressourcen auf die behandlungsbedürftigen Patienten konzentrieren können. Effiziente Nutzung des flächendeckenden Apothekennetzes zur Steuerung von Patientenströmen.
  • Impfungen in der Apotheke: Da Impfpässe in der Schweiz digitalisiert sind und online verwaltet werden können, ist es für Arzt und Apotheker einfach, gemeinsam aktiv zu werden und z. B. Impfberatung anzubieten und Impflücken bei Erwachsenen durch Grippe-, Pneumokokken- und Masern-Impfungen zu schließen. Der Apotheker erwirbt dazu eine entsprechende Zusatzqualifikation, darf seine Apothekenkunden impfen und wird dafür bezahlt. Das System wird gut angenommen. Vielleicht ist die Impfung in Apotheken auch hierzulande eine Option, schließlich werden die Nationalen Impfziele seit Jahren regelmäßig verfehlt.
  • Antibiotika-Coach zur Verhinderung von Resistenzentwicklungen: Antibiotikaresistenzen sind ein wachsendes Problem, dem man in der Schweiz mit dem Konzept des Antibiotika-Coaches zu Leibe rücken will (24) . Der Patient erhält zusammen mit seinem Antibiotikum vom Apotheker den QR-Code einer App, auf der das verordnete Dosierschema hinterlegt ist. Der Patient bestätigt die Einnahme jeder Dosis über diese App. Vergisst der Patient die Einnahme, setzt die App ein Erinnerungssignal ab. Mit Hinweisen zur richtige Antibiotikaeinnahme und zur Gefahr von Resistenzentwicklungen unterstützt die App die Therapieadhärenz. Der Antibiotika-Coach ist ein Unterstützungsangebot von Arzt und Apotheker. Dir beide bleiben für Rückfragen des Patienten über die gesamte Dauer der Therapie ansprechbar.
  • Zukunftsprognosen: Der Apotheker als interdisziplinärer Netzwerker: Der Apotheker wird zukünftig stärker als heute interdisziplinär und digital vernetzt arbeiten. Im Team mit Ärzten, Pflegeexperten und Gesundheitsökonomen wird das Handeln von Apothekern zukünftig stärker darauf ausgerichtet sein, die digital einfacher zu erfassende, Ergebnisqualität von Präventions- und Therapiemaßnahmen zu verbessern. Komplexe, patientenorientierte Dienstleistungen, die auf pharmazeutische Fachkompetenz, auf die Vernetzung mit anderen Leistungserbringern und die persönliche Beratung von Kunden bzw. Patienten setzen, sind im Gegensatz zu digitalen Logistikonzepten weit weniger skalierbar, in diesen Bereichen bleibt der Apotheker unersetzlich, seine wirtschaftlich Existenz sicher neue Honorierungsmodelle, die von der unmittelbaren Arzneimittelbelieferung abgekoppelt sind.

Fokussierung auf ganzheitliches Medikationsmanagement

Lernende Assistenz- bzw. Expertensysteme, ausgestattet mit künstlicher Intelligenz, werden im Berufsalltag sowohl von Ärzten als auch von Apothekern an Bedeutung gewinnen. Mit ihrer Hilfe lässt sich die Fülle von evidenzbasierten Informationen verdichten und als Entscheidungsgrundlage nutzen. Sie machen den aktuellen Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse sichtbar und nutzbar. Für die Deutung und Einordnung der sich daraus ergebenden Handlungsoptionen sowie für die Einbeziehung und Gewichtung der individuellen Präferenzen und Möglichkeiten des einzelnen Patienten bleibt auch in Zukunft die Erfahrung und Empathie des Arztes bzw. Apothekers unverzichtbar. Für persönliche Beratungsgespräche mit Patienten oder Medikationskonzile mit Therapeuten oder Krankenkassen– per Video oder in der Apotheke - wird zukünftig mehr Zeit sein, weil digitale Expertensysteme die erforderlichen Entscheidungsgrundlagen dafür effizient aufbereiten.

Teleapotheker: Flexiblere Arbeit & komplexeres Aufgabenspektrum

Verbraucher und Patienten zeigen großes Interesse an telemedizinischen Leistungen (25) und digitale Gesundheitsanwendungen (8,9). Der Einsatz von Videokonsultationen – nicht nur im Triage-Prozess, sondern auch in der Therapieführung und der Betreuung von alten und pflegebedürftigen Patienten, wird daher in Arztpraxen und auch in der pharmazeutischen Beratung weiter an Bedeutung gewinnen. Weil Wege und damit Zeit und Geld eingespart werden können, lassen sich knappe Ressourcen zielgerichteter einsetzen, die Zeit von Arzt und Apotheker wird besser genutzt, auch für Patienten mit Mobilitätseinschränkungen durch Alter und Krankheit oder durch die Abgelegenheit des Wohnortes, bieten sich Vorteile. Beim diesjährigen Ärztetag in Leipzig wird eine entsprechende Änderung der ärztlichen Berufsordnung erwartet, die das Fernbehandlungsverbot lockern wird (26). Beratung zu Therapie und Diagnose von Krankheiten wird zukünftig viel weniger an Ort und Zeit gebunden sein. Jungen Ärzten und Apothekern, die zunehmend eine Teilzeitbeschäftigung im Angestelltenverhältnis einer Niederlassung oder einer eigenen Apotheke vorziehen, bietet diese neue Flexibilität durchaus Vorteile (27).

Der Apotheker als Gestalter digitaler Versorgungsprozesse

Die Erwartungen an die wirtschaftlichen Potentiale der Digitalisierung im deutschen Gesundheitswesen sind enorm, Schätzung gehen aus von jährlich über 39 Mrd. € oder 12 Prozent der Gesundheitsausgaben (28). Die Realisierung dieser Potentiale hängt von vielen Faktoren ab, vor allem vom sicheren Austausch von Versorgungsdaten zwischen Leistungserbringern, Kostenträgern und Patienten. Auch die Stärkung der digitalen Kompetenzen ist eine zentrale Voraussetzung, um die riesigen Datenmengen aus Versorgungsprozessen sowie aus Apps und Wearables der Patienten sinnvoll und patientenorientiert zu nutzen.

Der Apotheker muss seinen Beitrag leisten, damit Versorgung individualisiert und qualitativ verbessert werden kann. In diesem Zuge wird sich das Berufsbild des Apothekers verändern. Erweiterte, pharmazeutischen Dienstleistungen in einem zunehmend digitalisierten Gesundheitswesen werden nicht nur die Komplexität der Aufgaben, sondern auch die Attraktivität des Berufsbildes erhöhen. Dazu zählt zum Beispiel die Fähigkeit, entstehende Beratungs- und Orientierungslücken im Hinblick auf die Nutzung digitaler Gesundheitsanwendungen bei Verbrauchern und Patienten zu erkennen und sie mit neuen Qualifizierungsangeboten zu füllen. Der ambitionierte pharmazeutische Nachwuchs, der sich eine Zukunft in der klassischen Offizin-Apotheke heut vielleicht nicht mehr vorstellen kann, kann die Digitalisierung als Chancen nutzen, um die bestmögliche Gesundheits- und Arzneimittelversorgung der Bevölkerung neu zu denken. Die Leitplanken dieses Transformationsprozesses, die in den entsprechenden Positionspapieren der Standesvertretungen vorgeben werden (29, 30, 31), bieten dazu genügendA Gestaltungsspielraum.

Literatur/Quellen:

  1. Otsuka and Proteus® Announce the First U.S. FDA Approval of a Digital Medicine System: Abilify MyCite® (aripiprazole tablets with sensor) https://www.proteus.com/press-releases/otsuka-and-proteus-announce-the-first-us-fda-approval-of-a-digital-medicine-system-abilify-mycite/
  2. 3D-printed drugs coming to a home near you? http://www.mobihealthnews.com/news/3d-printed-drugs-coming-home-near-you  August 2015, MobiHealthNews.
  3. KliFo, Market Access, Marketing. Pharma goes digital. April 2017. https://www.healthon.de/blogs/2017/04/21/klifo-market-access-marketing-pharma-goes-digital
  4. Digital Health: Veränderungsprozesse als Chance nutzen und gestalten. Kramer, U. & Vollmar, H.C., Forum (2017), Springer Medizin Verlag GmbH; 10/2017
  5. Wie gut sind Gesundheits-Apps? Was bestimmt Qualität & Risiko? Welche Orientierungshilfen gibt es? Kramer U., Aktuel Ernahrungsmed 2017; 42(03): 193-205 DOI: 10.1055/s-0043-109130; 03/201
  6. Gesundheits-Apps: Wie kann eine Zertifizierung konkret aussehen? Kramer U. Diabetes Aktuell 2017; 15(08): 344 - 348; 12/2017
  7. Gesundheits-Apps – Lernen von Portalen weltweit. Kramer, U., E-HEALTH-COM, 6/2017; 11/2017
  8. Bitkom 5/2017. Fast jeder zweite nutzt Gesundheits-Apps. https://www.bitkom.org/Presse/Presseinformation/Fast-jeder-Zweite-nutzt-Gesundheits-Apps.html  
  9. Bitkom 2/2016: Fast ein Drittel nutzt Fitness-Tracker https://www.bitkom.org/Presse/Presseinformation/Gemeinsame-Presseinfo-von-Bitkom-und-BMJV-Fast-ein-Drittel-nutzt-Fitness-Tracker.html  Feb. 2016 .
  10. HealthOn. 8/2017. Kassenverträge für Gesundheits-Apps: Per Aspera ad astra. https://www.healthon.de/blogs/2017/08/09/kassenvertr%C3%A4ge-f%C3%BCr-gesundheits-apps-aspera-ad-astra   
  11. Huber et al. Treatment of Low Back Pain with a Digital Multidisciplinary Pain Treatment App: Short-Term Results. JMIR Rehabil Assist Technol 2017;4(2):e11 http://rehab.jmir.org/2017/2/e11/  
  12. Rich E. Künstliche Intelligenz lässt die Kassen aufatmen. CHANGE Feb. 2017
  13. Diese App sollte den Arztbesuch überflüssig machen – doch die Nutzer bewirkten das Gegenteil. T3n. Dez. 2017. https://t3n.de/news/arzttermin-gedaddelt-babylon-health-884972  
  14. Ärzte Zeitung. 21.12. 2017. So geht Fernbehandlung bei „Doc Direkt“. https://www.aerztezeitung.de/politik_gesellschaft/gp_specials/jahresendausgabe-2017/article/954380/baden-wuerttemberg-geht-fernbehandlung-doc-direkt.html   
  15. Die Presse. 30.06.2017. Riesendeal in der Wiener Startup https://diepresse.com/home/wirtschaft/unternehmen/5243920/Riesendeal-in-der-Wiener-StartupSzene
  16. Amazon startet Arzneimittelversand mit Münchner Apotheke. Deutsche Apotheker Zeitung, Mai 2017
  17. Landgericht verbietet DocMorris Automaten dauerhaft. DAZ Dez. 2017. https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/news/artikel/2017/12/21/landgericht-verbietet-docmorris-automaten-dauerhaft  
  18. Präventionsgesetz 2017.
  19. So lassen sich nationale Impfziele erreichen. Niza3-Studie: Apotheker klären auf. Apotheker Zeitung. https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/daz-az/2012/daz-26-2012/so-lassen-sich-nationale-impfziele-erreichen
  20. Schaeffer D, Berens EM, Vogt D: Health Literacy in the German population – results of a representative survey. Dtsch Arztebl Int 2017; 114:53-60. DOI: 10.3238/arztebl.2017.0053
  21. Bash et al. 6/2017. Overall Survival Results of a Trial Assessing Patient-Reported Outcomes for Symptom Monitoring During Routine Cancer Treatment. https://jamanetwork.com/journals/jama/article-abstract/2630810
  22. Study: Pillbox Gadgest Do nothing to improve Rx Adherence, Feb. 2017
  23. Erste Medgate Mini-Clinic eröffnet in Basel. Sept. 2017
  24. Antibiotika-Coach toppharm Apotheken, Schweiz
  25. Bitkom Research 9/2016. Befragung Telemedizin
  26. DAZ 18.12.2017. Fernbehandlungsverbot könnte im Mai 2018 kippen. https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/news/artikel/2017/12/18/fernbehandlungsverbot-koennte-im-mai-2018-kippen
  27. Hunderte Arztpraxen im Land suchen Nachfolger. 27.12.2017. Schwäbisches Tagblatt. https://www.tagblatt.de/Nachrichten/Hunderte-Arztpraxen-im-Land-suchen-Nachfolger-358364.html
  28. Effizienzpotentiale durch eHealth: PwC-Studie im Auftrag von CompuGroup Medical und bvitg e. V. 4/2017
  29. Perspektivpapier Apotheke 2030. Ausbildung weiterentwickeln. https://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=73153  
  30. Berufsbild des Apothekers. Bundesapothekerkammer, Juni 2016 https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/news/artikel/2016/06/23/das-neue-berufsbild-der-apotheker-steht   
  31. E-Health: Ethische Grundsätze. ABDA. Oktober 2015 https://www.abda.de/uploads/tx_news/E_Health_Ethische_Grundsaetze_ABDA_2015.pdf   
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Die Bloggerin

Die Vision eines gerechten, patientenorientierten Gesundheitssystems treibt die Ap(p)othekerin Dr. Ursula Kramer an. Digitalisierung sieht sie als Möglichkeit, diesem Ziel näher zu kommen. Seit 2011 testet sie Qualität, Sicherheit und Anwenderfreundlichkeit von Gesundheits-Apps. Sie will Transparenz schaffen und digitale Gesundheitskompetenz fördern. Sie teilt die Erfahrung aus der Analyse von mittlerweile über 10.000 Apps in Blogbeiträgen, Vorträgen und Publikationen. Mehr...