Tabuthema Blasenschwäche: Können Apps helfen?

  • Erstellt am: 06.12.2018
  • von: ursula.kramer

Schwacher Beckenboden, unkontrollierter Harnverlust, Inkontinenz - das sind Themen, über die niemand gerne spricht. Betroffene suchen im Schutz der Anonymität auch in App-Stores nach Hilfen. Was können sie erwarten?
Für Frauen nach Geburten ist es häufig eine temporäre Belastung. Für ältere Menschen werden Blasenschwäche und damit einhergehende Inkontinenz häufig zum dauerhaften Problem, Frauen wie Männer sind davon betroffen (1). Soziale Isolation, eingeschränkte Mobilität und Lebensqualität, Angst vor Kontrollverlust, das alles machen Betroffene häufig lange mit sich selbst aus, bevor sie sich hilfesuchend an Arzt und Apotheker wenden. Welche Angebote es derzeit gibt, hat HealthOn im November analysiert (2).

Beckenboden trainieren: Anleitung & Motivation durch Apps

Nach der Schwangerschaft, als Teil der Rückbildungsgymnastik, hat das Training des Beckenbodens seinen festen Platz. Doch gerade jungen Müttern, für die die Umstellung auf ein Leben mit Kind organisatorisch vieles durcheinander wirbelt, fällt es schwer, zu einer festen Zeit an einem bestimmten Ort am Training teilzunehmen. Mit einer App, die videounterstützt das Training zu Hause anleitet und mehrmals täglich an die Übungen erinnert, wird es vermutlich leichter, dranzubleiben. Das ist das Konzept von Pelvina, einer App zum Beckenbodentraining, die durch die Zentrale Prüfstelle für Prävention vor gut einem Jahr zertifiziert worden ist (3,4). Welche Voraussetzung eine App für die Zertifzierung erfüllen muss, definiert die Prüfstelle in ihrem Anforderungskatalog (5) für sog. IKT-basierte Selbstlernprogramme (IKT = Informations- und Kommunikationstechnologie-basiert) – dazu zählen auch Gesundheits-Apps. Diese Apps sind dann nach SGB V, § 20 erstattungsfähig. So muss z. B. die Kursleiterin für die App-Nutzer erreichbar sein, z. B. via Chat. Eine Erfolgskontrolle ist verpflichtend, d. h. die App-Nutzer müssen nach jeder Einheit ein Wissens-Quiz erfolgreich bestehen. Außerdem werden die App-Kosten (rund 75 € für ein 8-10 Wochen-Training) nur dann von gesetzlichen Krankenkassen bis zu 100 % erstattet, wenn alle Trainingseinheiten absolviert worden sind. Bei der verpflichtenden Re-Zertifizierung nach einem Jahr muss die App vorlegen, wie die Nutzer das Angebot einschätzen, d. h. wie sich unkontrollierter Harnverslust und damit Lebensqualität der Nutzer verbessert haben. Bisher wird diese App (1.000 Downloads seit 10.01.2018) und sowie andere Beckenboden-Apps eher verhalten nachgefragt (3). Die mit weitem Abstand beliebteste App, ein geschlechtsneutraler Trainer mit Beckenboden-Trainingsübungen für Männer und Frauen, erreicht derzeit 500.000 Downloads (6).

Beckenboden-Apps - Wissenschaftlich evaluiert

Dass Lebensstil und regelmäßiges Beckenbodentraining unterstützt durch eine App das Problem des unkontrollierten Harnverlustes, beim Husten, beim Heben, beim Lachen verringern können, ist in wissenschaftlich kontrollierten Studien mit der App „Tät – Beckenbodentraining“ von der Universität Umea untersucht worden (7). Eine Kombination aus Information, Beratung und Beckenbodentraining führt demnach bei zwei Drittel zu einer teilweisen oder vollständigen Besserung der Inkontinenz (8). Am meisten profitieren Frauen mit hoher Selbstwirksamkeitserwartung, die einen positiven Effekt des Beckenboden-Trainings erwarten, die ihr Übergewicht reduzieren und diszipliniert ihre Trainingseinheiten durchführen (8). Die kostenlose App „Tät – Beckenbodentraining“ ist auch in deutscher Sprache erhältlich und als CE-gekennzeichnetes Medizinprodukt der Klasse I registriert (9).

Rückbildungsgymnastik oder Abverkaufshilfe für Inkontinenzprodukte

Das Spektrum der Betroffenen, die von einem Beckenbodentraining profitieren könnten, ist sehr heterogen: Wie bereits beschrieben, sind es jüngere Frauen nach der Geburt, sowie Frauen aber auch Männer in höherem Lebensalter mit erschlaffender Beckenbodenmuskulatur. Während für junge Mütter die Rückbildungsgymnastik im Vordergrund (10) steht, bieten Apps für ältere Menschen über das Beckenbodentraining hinaus z. B. auch Hilfe bei der Suche bzw. Auswahl geeigneter Hilfen für das dauerhafte Inkontinenzproblem (11). Über ein Miktionstagebuch können z. B. die Trink- und Ausscheidungsmengen festgehalten werden. Der Betroffene oder wahlweise auch dessen Angehörige können auf dieser Basis die individuelle Belastung erfassen und erhalten Empfehlungen für geeignete Einlagen und Vorlagen, die sie über die App online bestellen können. Der App-Anbieter, der gleichzeitig auch Anbieter der Inkontinenzprodukte ist, nutzt die Beckenboden-App in diesem Fall als Teil des digitalen Direktvertriebskonzeptes zum Abverkauf seiner Produkte.

Beckenboden-Apps für Männer

Beckenboden-Apps, die sich ausschließlich an Männer richten, gibt es auch. Schließlich sind 7,5 % der 50- bis 59-Jährigen betroffen, in der Altersgruppe der 70 bis 79-Jährigen leidet fast jeder vierte an unkontrolliertem Harnverlust (1). Ein bekannter Hersteller nutzt eine solche Männer-App, um über Inkontinenzhilfen speziell für Männer zu informieren (12). Auch der National Health Service (NHS) in England empfiehlt eigens für Männer eine App - Squeezy Beckenboden-Training (13, 14). Mit der App kann das Training, das zuvor mit der behandelnden Physiotherapeutin individuell auf den Patienten abgestimmt wurde, bequem zu Hause durchgeführt werden. Die kostenpflichtige und derzeit nur in englischer Sprache verfügbare App gibt es auch in einer Ausführung speziell für Frauen. Technische Hilfen zur Entlastung der Pflege Auch die häusliche Pflege von inkontinenten Patienten soll durch digitale Hilfsmittel zukünftig erleichtert werden. So senden z. B. Sensoren in Betteinlagen Signale an eine App, um pflegenden Angehörigen nachts zu melden, dass die Windel gewechselt werden muss (15), oder dass der sturzgefährdete Patient das Bett verlassen hat. Auch in der Dekubitusprophylaxe im stationären Bereich spielen sensorgestützte Meldesysteme eine zunehmende Rolle. So zeichnen sie z. B. die Bewegungen immobiler Risikopatienten auf, so dass das Pflegepersonal an die regelmäßige Lagerung erinnert werden und die Patienten so besser vor Dekubitus schützen kann (16).

Zukunft digitaler Inkontinenz -& Pflege-Hilfen

Mit zunehmender Alterung der Gesellschaft und der wachsenden Medienkompetenz der Betroffenen – die Babyboomer kommen ins Rentenalter – wird wohl das Auffinden und die diskrete Online-Beratung und Online-Bestellung geeigneter Inkontinenz-Hilfsmittel unterstützt durch Apps an Bedeutung gewinnen. Auch die Nachfrage nach sinnvollen, digitalen Hilfen zur Unterstützung pflegender Angehöriger wird steigen. Heilberufsgruppen und Pflegekräfte, die sich auf diesem Gebiet auskennen und den Nutzen digitaler Angebote einschätzen können, qualifizieren sich als Ansprechpartner für die Optimierung zukünftiger Präventions- und Versorgungskonzepte der alternden Bevölkerung.

Quellen

  1. Harninkontinenz Heft 39. Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Robert Koch-Institut http://www.gbe-bund.de/gbe10/abrechnung.prc_abr_test_logon?p_uid=gast&p_...
  2. HealthOn: Screening Beckenboden/Inkontinenz-Apps 11/2018.
  3. Pelvina Testbericht HealthOn https://www.healthon.de/testberichte/pelvina-beckenbodenkurs
  4. Pelvina Prüfzertifikat Deutscher Standard Prävention. https://pelvina.de/tmp/pelvina_zertifikat_zpp.pdf
  5. Zentrale Prüfstelle Prävention. Information für Anbieterinnen und Anbieter von IKT-basierten Selbstlernprogrammen https://www.zentrale-pruefstelle-praevention.de/admin/download.php?dl=pr...
  6. Beckenboden Training – Kegel https://play.google.com/store/apps/details?id=com.jsdev.pfei
  7. Nyström E, Asklund I, Sjöström M, Stenlund H, Samuelsson E. Treatment of stress urinary incontinence with a mobile app: factors associated with success. Int Urogynecol J. 2017;29(9):1325-1333.
  8. Sjöström M, Umefjord G, Stenlund H, Carlbring P, Andersson G, Samuelsson E. Internet-based treatment of stress urinary incontinence: a randomised controlled study with focus on pelvic floor muscle training. BJU Int. 2013;112:362–372. doi: 10.1111/j.1464-410X.2012.11713.x. [PMC free article] [PubMed] [CrossRef
  9. Tät Beckenbodentraining https://play.google.com/store/apps/details?id=se.umu.its.tat
  10. Rückbildung – Die App für deinen Beckenboden https://play.google.com/store/apps/details?id=com.afterbirth.rueckbildung
  11. SeniControl, SENA: https://play.google.com/store/apps/details?id=pl.seni.dziennik
  12. PC-Muskel-Workout, TENA https://play.google.com/store/apps/details?id=de.jaf.pcw
  13. Squeezyapp in Google Play https://www.squeezyapp.com/
  14. Testbericht NHS Library https://apps.beta.nhs.uk/squeezy/ 
  15. Texible Sensor-gestützte Betteinlagen https://play.google.com/store/apps/details?id=at.arkulpa.wisbi.wisbi_and...
  16. Leaf Healthcare http://leafhealthcare.com/
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Dr. Ursula Kramer - Die Ap(p)othekerin bloggt auf HealthOn

Die Bloggerin

Die Vision eines gerechten, patientenorientierten Gesundheitssystems treibt die Ap(p)othekerin Dr. Ursula Kramer an. Digitalisierung sieht sie als Möglichkeit, diesem Ziel näher zu kommen. Seit 2011 testet sie Qualität, Sicherheit und Anwenderfreundlichkeit von Gesundheits-Apps. Sie will Transparenz schaffen und digitale Gesundheitskompetenz fördern. Sie teilt die Erfahrung aus der Analyse von mittlerweile über 10.000 Apps in Blogbeiträgen, Vorträgen und Publikationen. Mehr...