Bundestag: Expertenanhörung zu Gesundheits-Apps

  • erstellt am: 22.03.2019
  • von: ursula.kramer

Gesundheits-App sind offensichtlich angekommen im Blickfeld der öffentlichen Diskussion. Sie haben es in die Schlagzeilen der BILD-Zeitung geschafft (1) und jetzt auch in den Gesundheitsausschuss des Bundestages (2). Lange genug haben sie ein Schattendasein geführt, wurden belächelt, kritisch beäugt oder einfach nur ignoriert. Mittlerweile steht fest, sie werden sich wohl zu Bausteinen mausern und in der Prävention, Gesundheitsaufklärung und dem Selbstmanagement chronischer Erkrankungen neue Möglichkeiten eröffnen. Individueller, partizipativer, präventiver wird die Gesundheitsversorgung werden, wenn Apps ihren Platz finden in der Diagnose und Therapieführung, so der Tenor der Stellungnahme von Dr. Ursula Kramer, die als Expertin im Gesundheitsausschuss des Bundestages am 20. März befragt wurde, zusammen mit Dr. Johannes Bittner, Bertelsmann Stiftung, Ulrich Kelber, Bundesbeauftragter für den Datenschutz und die Informationssicherheit, Sebastian Zilch, Bundesverband Gesundheits-IT, Martin Tschirschich, Modzero GmbH und Experte beim ChaosComputerclub, sowie Holm Diening, gematik.

Dr. Johannes Bittner, Bertelsmann Stiftung, Dr. Ursula Kramer, HealthOn, Ulrich Kleber, Bundesbeauftragter für den Datenschutz und die Informationssicherheit, Sebastian Zilch, Bundesverband Gesundheits-IT, Martin Tschirschich, Modzero GmbH und Experte beim ChaosComputerclub, sowie Holm Diening, gematik.

Gesundheit-Apps schaffen Raum, für Arzt & Patient

Auch als Expertensysteme werden sie die Arbeit von Ärzten, Apothekern und anderen Gesundheitsberufen verändern, Routinetätigkeiten übernehmen und Freiräume schaffen. Dann bleibt mehr Raum für die eigentlichen Aufgaben der Heilberufler, für die Beratung, für die Einordnung von Informationen, für die Identifizierung der Präferenzen und dem Erkennen der individuellen Möglichkeiten von Patienten in der Therapieberatung. Deshalb: Keine Angst vor Algorithmen und künstlicher Intelligenz. Vertrauensvolle Berater werden in der digitalisierten, informationsüberflutenden Gesundheitswelt mehr denn je gebraucht.

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Damit diese Vision wahrwerden kann, bleibt noch viel zu tun. Es gilt die Zeit bis zur Einführung der elektronischen Patientenakte zu nutzen. Sie muss bis 2021 allen 70 Millionen Versicherten zur Verfügung stehen, so steht es im Gesetz (3,4). Das Projekt ePA ist technisch komplex. Nicht weniger herausfordernd sind die Veränderungsprozesse, die die vielen Millionen Versicherten und deren Therapeuten betreffen. Sie auf die neuen Möglichkeiten so vorzubereiten, dass sie die digitale Gesundheitsanwendungen selbstbestimmt nutzen können, dass sie Vertrauen fassen und diese Änderungen mittragen, ist eine große Aufgabe. Die Gesundheitskompetenz ist in weiten Teilen der Bevölkerung ist schlecht (5). Und wer ein Smartphone bedienen kann, ist nicht automatisch damit vertraut, sensible gesundheitsbezogenen Daten selbstbestimmt zu verwalten. Die Stärkung der digitalen Gesundheitskompetenz (Digital Health Literacy) von Verbrauchern, Patienten, Ärzten, Apothekern und anderen Gesundheitsberufen wird darüber entscheiden, wie gut und wie schnell die Erwartungen der digitalen Transformation an die Verbesserung von Qualität, Patientenorientierung und Effizienz von Prävention und Gesundheitsversorgung realisiert werden können. Ohne Transparenz kein Vertrauen und ohne Kompetenz keine selbstbestimmte Nutzung und damit auch kein Nutzen von digitalen Gesundheitsanwendungen.

Digitalisierung ist in erster Linie ein Veränderungsprozess: Menschen mitnehmen!

Bei den vielen Diskussionen um Datenschutz und Datensicherheit wird oft vergessen, dass die Digitalisierung in erster Linie ein Veränderungsprozess ist, der Menschen betrifft, deren Kommunikationsverhalten und deren Einstellungen. Veränderungen gehen einher mit Unsicherheit. Wissen und Aufklärung hilft, Sicherheit zu gewinnen und sich den digitalen Herausforderungen zu stellen.

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Beschwichtigungen, dass eine elektronischen Patientenakte 100 Prozent sicher sei, sind fahrlässig und verspielen Vertrauen (6). Zur Aufklärung mündiger Bürger gehört der Hinweis, dass es die 100-prozentige Sicherheit nicht geben kann. Man versucht, Risken bestmöglich zu steuern und Restrisiken so klein wie nur möglich zu halten. Das gilt für Arzneimittel ebenso wie für digitale Gesundheitsanwendungen.Kein Bürger darf von einem wirksamen Arzneimittel erwarten, dass es nebenwirkungsfrei ist. Was er fordern darf, ist ein Nutzen, der die Risiken übersteigt, deutlich. Dabei kann die individuelle Abwägung abhängig vom Patienten und seinem Sicherheitbedürfnis sehr unterschiedlich ausfallen. Diese Gleichung setzt auch die digitale Welt nicht außer Kraft

Patientensicherheit bleibt weiterhin nicht verhandelbar

Und daher kommt dem Nutzennachweis von digitalen Anwendungen eine große Bedeutung zu. Goldstandard sind randomisierte, kontrollierte Interventionsstudien (RCT). Sie passen nicht so recht zum dynamischen Markt der digitalen Anwendungen, meinen die Industrievertreter. Sie sind kostspielig und sie gefährden den Zugang von Patienten zu Innovationen, sie knebeln den Wirtschaftsstandort Deutschland? Mag sein, dass wir modifizierte methodische Ansätze brauchen, um den Nutzen digitaler Anwendungen zu evaluieren. Sicher müssen wir bei den "schnell-lebigen" Update-Zyklen von digitalen Applikationen genauer hinschauen: Sind es sicherheitsrelevante Anpassungen der Software oder minimale Anpassungen der User Interfaces oder betreffen die Updates die methodischen Unterstützungsansätze einer Applikation, so dass sie eine Wirksamkeitsstudie tangieren würden? Schwierig sind auch die Fragen nach der Wahl der geeigneten Vergleichsgruppen und nach der Randomisierung. Die Wissenschaft arbeitet an dieser Fragestellung (7) und muss Lösungen finden, denn die Versichertengemeinschaft hat ein Recht auf die wirtschaftliche Verwendung von Versichertenbeiträgen. So wie das Telemonitoring von Patienten mit Herzschwäche aktuell auf dem Prüfstand steht - auf Antrag der Kassen prüft der Gemeinsame Bundesausschuss GBA, ob sich damit die Zahl der Krankenhaustage verringern und Todesfälle verhindern lassen (8) - werden auch andere digitale Anwendungen, z. B. Medizin-Apps zur Diagnose und Therapie oder zum Selbstmanagement von Chronikern (DMP) ihren Nutzen nachweisen müssen, um den Weg in die Regelversorgung zu schaffen. Nur was nützt, wird erstattet! An diesem Grundsatz darf sich in der digitalen Gesundheitswelt nichts ändern.

Quellen

  1. Woran erkennt man seriöse Gesundheits-Apps? Bild Zeitung. 6.03.2019
  2. Gesundheits-Apps: Mehr Sicherheit und Nutzerkompetenz notwendig. Deutsches Ärzteblatt. 20.03.2019
  3. ePA Elektronische Patientenakte. gematik. Oktober 2018
  4. Motor der digitalen Transformation - Warum ePA für alle nur mit Spracherkennung wirklich gelingen kann. E-HEALTH-COM, 25.03.2019
  5. Schaeffer D, Berens EM, Vogt D: Health Literacy in the German population – results of a representative survey. Dtsch Arztebl Int 2017; 114:53-60. DOI: 10.3238/arztebl.2017.005
  6. Diese App bekommen jetzt Millionen Versicherte. Spiegel Online, 17.09.2018
  7. Vollmar et al. Digitale Gesundheitsanwendungen – Rahmenbedingungen zur Nutzung in Versorgung, Strukturentwicklung und Wissenschaft – Positionspapier der AG Digital Health des DNVF. Gesundheitswesen 2017; 79(12): 1080-1092
  8. Kassen setzen auf Telemedizin, Pharmazeutische Zeitung, 25.03.2019

 

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Dr. Ursula Kramer - Die Ap(p)othekerin bloggt auf HealthOn

Die Bloggerin

Die Vision eines gerechten, patientenorientierten Gesundheitssystems treibt die Ap(p)othekerin Dr. Ursula Kramer an. Digitalisierung sieht sie als Möglichkeit, diesem Ziel näher zu kommen. Seit 2011 testet sie Qualität, Sicherheit und Anwenderfreundlichkeit von Gesundheits-Apps. Sie will Transparenz schaffen und digitale Gesundheitskompetenz fördern. Sie teilt die Erfahrung aus der Analyse vieler tausender Gesundheits-Apps in Blogbeiträgen, Vorträgen und Publikationen. Mehr...