Social Media: Die Gesundheitswirtschaft hebt den Daten-Schatz

  • erstellt am: 06.10.2015
  • von: ursula.kramer

Posts auf Twitter und Facebook nutzen, um den Ausbruch von Krankheiten frühzeitig zu erkennen, oder das Wissen über Nutzen und Nebenwirkungen von Arzneimitteln zu verbessern den illegalen Schwarzmarkt mit Arzneimittel einzudämmen, das alles ist längst nicht mehr Zukunftsmusik. Denn nicht nur auf Plattformen wie "Patients like me", sondern auch auf Facebook und Twitter tauschen Nutzer ihre Erfahrungen mit Arzneimitteln und ihre Sorgen und Probleme als Betroffene von Krankheiten täglich weltweit millionenfach aus. Und neue Dienstleistungsunternehmen analysieren und interpretieren diese Daten im Auftrag von Pharmaunternehmen und Gesundheitsinstitutionen, um z. B. die Arzneimittelsicherheit zu verbessern oder auch neue Präventionskonzepte zu entwickeln.


  • Epidemico, ist ein Unternehmen der Booz Gruppe, das die Informationen aus Facebook und Twitter filtert, anonymisiert und z. B. produktbezogen für die Arzneimittelsicherheit von Pharmaunternehmen aufarbeitet. Wie groß der Datenschatz ist, zeigt das Beispiel des Pharmaunternehmens GSK. In über 6 Millionen Posts auf Twitter und 15 Millionen auf Facebook finden sich Informationen zu den ca. 1.000 Arzneimittel des Unternehmens. Somit lassen sich aus diesen Datenquellen für GSK in einem Jahr mehr Daten ableiten, als aus der FDA Datenbank mit den Nebenwirkungsmeldungen seit 1968.
  • MedWatcherSocial geht in Sachen Arzneimittelsicherheit noch einen Schritt weiter. Das Partnerprojekt von Epidemica und der FDA identifiziert jeden Tweet mit potentiellen Nebenwirkungsmeldungen und beantwortet diesen mit einem Back Tweet. Nutzer werden darin aufgefordert, einen vollständigen Fragebogen der FDA auszufüllen, um die Datenqualität der Nebenwirkungsmeldungen zu verbessern.

Die Epidemico Daten lassen sich auch als wertvolle Marktforschungsquelle nutzen. So hat Merck diesen Dienst im Pre-Marketing für das verschreibungspflichtigen Schlafmittel Belsomra genutzt, um die Erwartungen und Probleme Betroffener zu identifizieren und daraus Argumente für die Vermarktung des Produktes abzuleiten. Auch Patienteninformationen der Unternehmen lassen sich optimieren, wenn die Datenanalyse von Epidemico zeigt, dass Nutzer schlecht informiert sind über bestimmte Arzneimittel.


  • StreetRX analysiert Social Media Daten, um Licht in den Schwarzmarkt von Arzneimitteln und Drogen zu bringen. Dazu werden ebenfalls die Meldungen auf Twitter und Facebook ausgewertet. Daneben gibt es eine Plattform, auf der sich Nutzer anonym anmelden und die Schwarzmarktpreise für verschreibungspflichtige Arzneimittel einsehen und selbst melden können. Pharmaunternehmen nutzen diesen Service z. B. um zu prüfen, wie gut ihre Maßnahmen zur Verhinderung des Missbrauchs ihrer Arzneimittel greifen. Kann durch die Kombination eines Opioids (Oxycontin) mit einem Opioid-Antagonisten (Naloxon) wie beabsichtigt die missbräuliche Anwendung des Arzneimittels tatsächlich eingedämmt werden?
  • Der ebenfalls auf  Crowdsourcing basierende Service „Flu Near You“ liefert eine Echtzeitkarte zur Grippeaktivität in einer Region und bezieht dazu, anders als die Meldungen der amerikanischen Gesundheitsbehörde CDC (Denter of Disease Control and Prevention), auch die Daten von Nutzern ein, die nicht zum Arzt oder ins Krankenhaus gehen.
  • Thermia ist eine Entscheidungshilfe für Eltern, die ebenfalls auf den Crowdsourcing Ansatz setzt. Eltern melden die Fieberverläufe ihrer Kinder in einer Datenbank, die Daten vieler besorgter Eltern werden analysiert, um daraus Handlungsempfehlung abzuleiten. Gekoppelt mit einem Fiebermessgerät und einer App entsteht ein neuer Service, der Eltern frühzeitig warnt, wann zur Abklärung der Fieberursachen besser ein Arzt hinzugezogen werden sollte.

FAZIT: Ähnlich wir bei Wetterbereichten, die anhand der Auswertung meteorologischer Daten oft erstaunlich präzise Vorhersagen treffen, können auch die gesundheitsrelevante Informationen genutzt werden, umd aus den täglich millionenfach über Soziale Medien eingegeben Daten bessere Schlüsse zu ziehen. Ziel ist es, das Verständnis von Krankheitsursachen zu verbessern, die Sicherheit und den Nutzen von Therapiemöglichkeiten zu optimieren und neue Präventionskonzepte hervorzubringen.


Quellen:


GSK, Merck use social media to learn how patients use drugs outside the lab, October 2015


Five ways a Boston Children’s Hospital spin-off is using social media for public health. April 2015

 

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Dr. Ursula Kramer - Die Ap(p)othekerin bloggt auf HealthOn

Die Bloggerin

Die Vision eines gerechten, patientenorientierten Gesundheitssystems treibt die Ap(p)othekerin Dr. Ursula Kramer an. Digitalisierung sieht sie als Möglichkeit, diesem Ziel näher zu kommen. Seit 2011 testet sie Qualität, Sicherheit und Anwenderfreundlichkeit von Gesundheits-Apps. Sie will Transparenz schaffen und digitale Gesundheitskompetenz fördern. Sie teilt die Erfahrung aus der Analyse vieler tausender Gesundheits-Apps in Blogbeiträgen, Vorträgen und Publikationen. Mehr...