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Brustkrebs-Apps: Große Diskrepanz zwischen Angebot und Bedarf?

Geschrieben von ursula.kramer am Dienstag, 2. August 2016 - 13:10

Brustkrebs vorbeugen und als Betroffene besser mit Brustkrebs leben können: Gibt es eine „gute“ Gesundheits-App, die dabei helfen kann? Wenn Frauen mit dieser Frage in den großen Apps Stores suchen, stoßen sie derzeit auf ein sehr überschaubares Angebot: Lediglich drei deutschsprachige Apps sind verfügbar:

  • eine Anleitung zur regelmäßigen Selbstuntersuchung der Brust,
  • eine Entscheidungshilfe zum Mammographie-Screening sowie
  • eine App, die Betroffene zu Bewegung anleitet und motivieren will, aktiv zu werden trotz Burstkrebs.

Zum Vergleich: In Google Play gibt es derzeit ca. 10.000 deutschsprachige Gesundheits- und Medizin-Apps, 90 Prozent davon sind kostenlos, und lediglich drei werden gefunden mit der Stichwortsuche „Brustkrebs“. Und dabei ist Brustkrebs die häufigste Krebsart bei Frauen, in Deutschland erkranken jährlich 70.000 Frauen. Im Gegensatz zu den meisten anderen Krebsarten sind die Betroffenen noch relativ jung, im Mittel 57 Jahre (1), viele von Ihnen verfügen über ein Smartphone, viele nutzen bereits Gesundheits-Apps (2).

Warum nur 3 Apps zum Thema „Brustkrebs“?


Einige Erklärungsversuche:

  • Frauen interessieren sich nicht für Brustkrebs, solange sie gesund sind?
    • Dagegen spricht: Viele Frauen nutzen die Krebsfrüherkennungsuntersuchungen beim Frauenarzt.
  • Frauen mit der Diagnose Brustkrebs suchen nicht in den Stores, weil sie dort keine Hilfe erwarten?
    • Dagegen spricht: Suchanfragen zum Thema „Brustkrebs“: Im Vergleich zu den Stichworten „Abnehmen“ produziert der Suchbegriff „Brustkrebs“ in Deutschland bei Google nur ca. 10 Prozent der Suchanfragen (Google Trends, Juli 2016) und etwa halb so viele wie der Suchbegriff „Rückenschmerz“. D. h. wenn das Interesse am Thema "Brustkrebs" verglichen mit anderen gesundheitsbezogenen Themen deutlich geringer ist, es wird danach gesucht! Die großen Unterschiede im App-Angebot lassen sich so also nicht erklären.
  • Für Apps zur Brustkrebsvorsorge gibt es keinen Bedarf, weil die Burstkrebsvorsorge gut organisiert ist und die Nutzungsraten z. B. vom Mammographie-Screening Deutschland sehr gut sind.
    • Dafür spricht: Laut Befragung unter anspruchsberichtigten Frauen genießt das Mammographie-Screening eine hohe Akzeptanz, 89 Prozent stimmen zu, dass auf diese Weise Tumore früh erkannt und entfernt werden können und so die Brust erhalten werden könne (3). Aber: Auf Websites öffentlicher Stellen (Zentralinstitut der Krankenkassen (ZI), Robert Koch-Institut (RKI) finden sich keine aktuellen Zahlen zur Nutzung von Krebsfrüherkennungsuntersuchungen. Fürchten diese Stellen, dass schlechte Nutzungszahlen die Vorsorgemuffel bestätigen könnten?
  • Maßnahmen zur Krebsfrüherkennung, z. B. Mammographie, werden zunehmend kontrovers diskutiert auf Basis kritischer Veröffentlichungen, die den Nutzen in Frage stellen (4).

Brustkrebs-Apps in den Stores


Zwei Apps zur Früherkennung

Zu den Möglichkeiten, Brustkrebs früh zu erkennen, gehört das Abtasten der Brust durch den Gynäkologen, jede gesetzlich versicherte Frau ab 30 Jahren hat einen Anspruch auf diese Früherkennungsmaßnahme. Darüber hinaus können Frauen ihre Brust auch regelmäßig selbst auf Veränderungen untersuchen, wie sie dabei vorgehen, erklärt die App „Selbstuntersuchung der Brust“.

Ab dem Alter von 50 Jahren können Frauen alle 2 Jahre auch eine Mammographie in Anspruch nehmen. Das Mammographie-Screening-Programm, das im Jahr 2005 auch in Deutschland startete, gehört mit 10,5 Millionen anspruchsberechtigter Frauen mittlerweile zu den größten Screening-Programmen Europas (5).

Welchen Nutzen Frauen davon erwarten können, mit welchen Risiken die Untersuchung für sie verbunden sein kann, darüber informiert die App MammoCube“ der Kooperationsgemeinschaft Mammographie. Mit der App sollen Frauen auch individuelle Faktoren in ihrer Entscheidungsfindung einbeziehen können, um danach informiert abzuwägen, ob eine Mammographie für sie in Frage kommt.

Eine App zum Einsatz in der Brustkrebsnachsorge

Die positive Wirkung von Bewegung auf die Prognose von Brustkrebspatientinnen wurde in vielen Studien wissenschaftlich untersucht, kürzlich veröffentlicht wurde eine Studie zum Nachweis positiver Effekte auf die Herzgesundheit. Die App „Aktiv mit Brustkrebs klärt auf, geht auf die Unsicherheiten Betroffener im Hinblick auf mögliche Kontraindikationen ein, z. B. erhöhte Knochenbruchgefahr, und leitet Frauen, z. B. in der Krebsnachsorge zu Hause, mit Videos an, körperlich aktiv zu werden.

Drei Brustkrebs-Apps: So schneiden sie in Punkto Qualität & Transparenz ab

  • Zwei der drei Apps werden von Arzneimittelherstellern angeboten, eine App von der ärztlichen Selbstverwaltung (Kassenärztliche Bundesvereinigung) und dem Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen, die sich in der Kooperationsgemeinschaft Mammographie zusammengeschlossen haben.
  • Keine der drei Apps informiert die Nutzerinnen darüber, woher die Zahlen, Fakten und Empfehlungen stammen, wer mit seinem Namen für die Richtigkeit der Angaben steht. „Aktiv trotz Brustkrebs“ nennt zwar Autoren, welche fachliche Qualifikation sie als Experten für diese App ausweist, erkennt die Nutzerin z. B. erst nach einer Recherche im Internet, in der App fehlen diese Informationen.
  • Im Vergleich zu den jährlich 70.000 neu an Brustkrebs Erkrankten und den 10 Millionen Frauen, die derzeit im Rahmen des Mammographie-Screenings anspruchsberechtigt sind, fällt die Anzahl ihrer Downloads sehr bescheiden aus: Lediglich eine App erreicht Downloads zwischen 10.000 und 50.000, die beiden anderen lediglich 10 bis 50 bzw. 500 bis 1.000 Downloads. Das kann als Indiz dafür gewertet werden, dass alle drei Apps ihre Zielgruppe bisher nicht in relevantem Maße erreichen. Bei zwei der drei Apps liegt die letzte Aktualisierung ein Jahr und länger zurück.

Fazit: Maßnahmen zur Brustkrebsfrüherkennung sowie zur Verbesserung der Lebensqualität von Brustkrebspatientinnen haben aufgrund der hohen Inzidenz von Brustkrebs eine große gesundheitspolitische Relevanz. Apps, die in der Lage sind, die wachsende Zahl weiblicher Smartphone-Nutzer zu erreichen, könnten als Bausteine in Krebsfrüherkennungsmaßnahmen besser als bisher integriert werden. Als qualitätsgesicherte Bausteine, z. B. empfohlen vom behandelnden Gynäkologen oder Onkologen, könnten sie z. B. dazu beitragen, über den Nutzen dieser Angebote besser aufzuklären, an deren Nutzung zur erinnern, und Frauen für die beeinflussbaren Risikofaktoren wie Übergewicht, Alkohol und Hormonsubstitution zu sensibilisieren.

Auch auf Gesundheits-Apps können die Qualitätskonzepte angewendet werden, die für andere gesundheitsförderliche Maßnahmen seit vielen Jahren gelten (7), d. h.

  • auch sie sollten unter Einbeziehung der Nutzerzielgruppen entwickelt werden, um deren Nutzenvorstellung besser treffen zu können. Denn Grundvoraussetzung für die Wirksamkeit gesundheitsförderlicher Interventionen ist deren Nutzung, d, h, auch Brustkrebsvor- und -nachsorge-Apps müssen „gefallen“, um Frauen in ihren Lebenswelten erreichen zu können (User Experience, Usability). Sie müssen nützlich sein für die Bewältigung eines Problems, das die Nutzerinnen mit der App besser lösen können als ohne sie.

So kommt z. B. eine streng rational aufgebaute Entscheidungshilfe mit mathematischer Würfel-Symbolik (MammoCube) bei „Frau, fünfzig plus, Smartphone-Nutzerin“ offensichtlich weniger an. Es kann vermutet werden, dass diese App von Experten auf dem Gebiet der partizipativen Entscheidungsfindung (PEF) entwickelt worden ist, allerdings ohne Einbeziehung der alles entscheidenden Nutzerinnen.

Quellen:

  1. Krebsdaten. http://www.krebsdaten.de/Krebs/DE/Content/Krebsarten/Brustkrebs/brustkrebs_node.html
  2. Nutzung von Smartphones & Gesundheits-Apps. BITKOM 4/2015 https://www.bitkom.org/Presse/Presseinformation/Gesundheits-Apps-Jeder-dritte-Smartphone-Nutzer-wuerde-Daten-an-die-Krankenkasse-weiterleiten.html  BITKOM 2/2016 https://www.bitkom.org/Presse/Presseinformation/Gemeinsame-Presseinfo-von-Bitkom-und-BMJV-Fast-ein-Drittel-nutzt-Fitness-Tracker.html
  3. Marie-Luise Dierks, Norbert Schmacke. Mammografie-Screening und informierte Entscheidung: mehr Fragen als Antworten. Gesundheitsmonitor 2014. http://gesundheitsmonitor.de/uploads/tx_itaoarticles/2014-03-Beitrag.pdf
  4. Burstkrebs-info http://www.brustkrebs-info.de/patienten-info/index.php?datei=patienten-info/mammographie-screening/screening_nutzen.htm   Handelsblatt: Experten zweifeln an Krebsfrüherkennung http://www.handelsblatt.com/technik/medizin/umstrittenes-screening-experten-zweifeln-an-krebs-frueherkennung-seite-2/3389290-2.html
  5. Malek D, Kääb-Sanyal V, Implementation of the German Mammography Screening Program (German MSP) and First Results for Initial Examinations, 2005-2009. Breast Care 2016;11:183-187 https://www.karger.com/Article/Abstract/446359
  6. J Clin Oncol. 2016 May 23. pii: JCO656603. Exercise and Risk of Cardiovascular Events in Women With Nonmetastatic Breast Cancer https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/27217451?dopt=Abstract
  7. Qualitätssicherung in Gesundheitsförderung und Prävention. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. M. Cremer, C. Goldapp, C. Graf, D. Grünewald-Funk, R. Mann, U. Ungerreith-Röhrich, C. Willhöft http://www.bzga.de/botmed_60615000.html

Informationen über den Autor des Blogs

Dr. Ursula Kramer - Die Ap(p)othekerin bloggt auf HealthOn

Die Bloggerin

Die Vision eines gerechten, patientenorientierten Gesundheitssystems treibt die Ap(p)othekerin Dr. Ursula Kramer an. Digitalisierung sieht sie als Möglichkeit, diesem Ziel näher zu kommen. Seit 2011 testet sie Qualität, Sicherheit und Anwenderfreundlichkeit von Gesundheits-Apps. Sie will Transparenz schaffen und digitale Gesundheitskompetenz fördern. Sie teilt die Erfahrung aus der Analyse vieler tausender Gesundheits-Apps in Blogbeiträgen, Vorträgen und Publikationen. Mehr...

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