Digitale Patientenakte als App: Warten auf eGK überbrücken?

  • Erstellt am: 05.10.2016
  • von: ursula.kramer

Was die elektronische Gesundheitskarte (eGK) derzeit von der alten Krankenversicherungskarte (KVK) unterscheidet, ist lediglich ein Foto als neue Identifikationsmöglichkeit. Es soll den Missbrauch der Karte verhindern. Neue Anwendungen, wie etwa einen Notfall-Datensatz oder eine digitale Patientenakte liefert die elektronische Gesundheitskarte ebenso wenig wie die datenschutzrechtlich gesicherte, dezentrale Speicherung von medizinischen Informationen, die z. B. die Patientensicherheit verbessern und Mehrfachuntersuchungen vermeiden soll (1).

Bürger wissen wenige über eGK

Nur drei von zehn Befragten wissen, dass auch zukünftig außer Notfall- und Pflichtdaten keine medizinischen Informationen direkt auf der eGK gespeichert werden (2). Weil der Speicherplatz auf der eGK auf 32 kB beschränkt ist, können nur bis zu 8 eRezepte und die Notfalldaten auf der eGK selbst gespeichert werden. Die übrigen freiwilligen Anwendungen wie z. B. eine Patientenakte werden auf Servern der sog. Telematik-Infrastruktur abgelegt.
Wann die freiwilligen Anwendungen flächendeckend genutzt werden können, ist ungewiss, erste Tests laufen in Pilotregionen an (3). Sicher ist, dass die Versichertengemeinschaft weitere Milliarden investieren wird, bis die eGK mit allen angedachten Funktionen für jeden Versicherten verfügbar ist (1).

Digitale Patientenakte auf dem Smartphone: Was können sie?

Weil mittlerweile die Mehrheit der Bundesbürger mit Smartphones ausgestattet über viele GigaBite Speicherplatz und schnelle Datenübertragung verfügt, ist der Boden für die digitale Patientenakte in der Cloud längst bereitet - nicht nur technisch, sondern auch im Hinblick auf die Nutzeraktzeptanz. Denn jeder Dritte nutzt hierzulande bereits Fitness-Tracker und Gesundheits-Apps (4) und erkennt darin offenisichtlich die Chance, endlich auch Gesundheit zur eigenen Sache machen zu können.
Warum also nicht auch den nächsten Schritt gehen zur digitalen Patientenakte per App. HealthOn hat die Apps analysiert, die deutschsprachigen Patienten im weltweit größten App-Store Google Play derzeit angezeigt werden, wenn sie nach Gesundheitsvorsorge suchen. (Ausführliche Testberichte s. Healthon-Datebank). Hier die wichtigsten Erkenntnisse zusammengefasst:

  • Digitale Patientenakten: Verhaltene Marktdurchdringung

Die Patientenakte lebt von der Akzeptanz auf zwei Seiten: Arzt und Patient müssen bereit dazu sein, sensible Gesundheitsdokumente in diese Akte hochzuladen oder in eine App auf ihrem Smartphone zu übertragen. Nur Praxen, die technisch dazu in der Lage und bereit sind, offene Risiken der Datensicherheit einzugehen, werden das tun. Wenn man das derzeitige Download-Volumen der Apps für deutschsprachige Anwender betrachtet, sind das offensichtlich noch wenige. Denn die fünf Apps, die den Zugang zu einer digitalen Patientenakte liefern, erreichen zusammen etwa 10.000 Downloads.

  • Datenübertragung ohne Internet

Gesundheitsbezogene Daten, die erst gar nicht im Internet verschickt werden, können auch nicht von Dritten unbefugt abgegriffen werden, so das Konzept von medValet und Lifetime. Über eine Programmierschnittstelle können Daten per Bluetooth oder WiFi aus der App in die Praxissoftware bzw. aus der Praxissoftware in die App des Patienten übertragen werden. Arztpraxen bezahlen für die Nutzung dieser Programmierschnittstelle eine Lizenzgebühr (MedValet, 99€/Jahr) oder erwerben ein Gerät für die Datenübertragung, die dann direkt in der Praxis durchgeführt wird (Lifetime, € 19,90).

  • Kopplung an die Versichertenkarte

Ein anderer Ansatz sieht vor, dass Patienten ihre eGK mit einem Online-Konto koppeln können, auf das sie dann - bis die Telematik-Infrastruktur diese freiwillige Option bieten kann - ihre Gesundheitsdokumente ablegen können. Versicherte erwerben dazu einen Aufkleber mit einer PIN, über den die eGK und das “Online-Gesundheitskonto” des Anbieters (Vitabook) quasi gekoppelt werden. Über diesen Code und die Versichertennummer kann der Versicherte Dritten Zugang gewähren zu Notfalldaten sowie zu anderen Daten, die auf dem Online-Gesundheitskonto abgelegt sind, z. B. Befunde, Röntgenbilder etc. Der Nutzer kann über eine PIN den Zugang zu seinen Daten absichern, d. h. Behandler sehen dann nur die Notfalldaten. Autorisiert der Nutzer Ärzte und Labore können diese Daten und Dokumente direkt an sein Online-Gesundheitskonto übertragen.

  • Verschlüsselte Übertragung und Speicherung auf deutschen Datenservern

Dem Sicherheitsbedürfnis der Nutzer kommt die App Polavis VIVA mit dem Versprechen entgegen, dass alle Gesundheitsdaten dauerhaft und verschlüsselt auf deutschen Servern gespeichert werden. Gesundheitsdokumente können auf diesem Wege einfacher mit Ärzten und anderen Therapeuten ausgetauscht werden. Die Daten in der Cloud lassen sich mit der App synchronisieren, sind dort jedoch aus Sicherheitgründen nur temporär gespeichert.

  • Vereinfachte Kommunikation: Anamnese in 15 Sprachen

Mit Vorteilen in der Betreuung fremdsprachiger Patienten wirbt die App iRefugee.de. Der Patienten macht Angaben zur Erhebung der Anamnese (z. B. Allergien, Unverträglichkeiten, Arzneimittel, Krankheiten etc.) in seiner eigenen Sprache, kann Dokumente (Befunde, Bilder etc.) in ein Online-Konto in der Cloud laden und von dort mit der App synchronisieren. Die Angaben können danach in einer anderen Sprache ausgegeben werden, was die Verständigung zwischen Arzt und Patienten erleichtern kann. Das große Problem: Die App haftet nicht für Übersetzungsfehler.

FAZIT:  Mit der Nutzung einer digitalen Patientenakte sind hohe Risiken verbunden: Sicherheitsmängel oder fehlerhafte Datenübertragung könnten für den Nutzer mit schwerwiegenden Nachteilen verbunden sein. Ärzte, die der eGK nicht trauen, werden sehr wahrscheinlich auch davon Abstand nehmen, die digitalen Patientenakten unbekannter Start-ups zu nutzen. Sie werden weiter darauf warten, dass die eGK flächendeckend die datenschutzrechtlich gesicherte, dezentrale Speicherung von medizinischen Informationen ermöglicht.
Es sei denn, Patienten werden zunehmend unzufrieden mit der schleppenden Digitalisierung im Gesundheitswesen (5) und erhöhen den Druck. Sie eröffnen auf eigene Faust digitale Online-Gesundheitskonten, um das Handling ihrer Gesundheitsdaten zu vereinfachen und zum Beispiel ihre mit Wearables und Apps erfassten Gesundheitsdaten dort abzulegen. Das Patienten motivierter und aktiver an der Bewältigung von Krankheiten mitwirken können, wenn man ihnen den Einblick in Behandlungsdaten gibt, dass Gesundheitsversorgung patientenorientierter und effektiver werden kann, das zeigen Projekte in USA (6).
Im Moment ist die Marktentwicklung noch eher verhalten, auch wenn die Global Digital Player die große strategische Dimension der Digitalisierung im Bereich der Gesundheitswirtschaft längst erkannt haben. Sie mischen in Sachen Gesundheit kräftig mit: Apple kauft sich Medizin-IT ein und hat im August das Start-up Gliimpse akquiriert, das seit 2013 Patientendaten verwaltet, hauptsächlich von Diabetikern und Krebspatienten (7). Google investiert in das erfolgreiche Versicherungs-Start-up OSCAR (8), das junge, gesunde, technikaffine Versichertenzielgruppen anspricht und Krankenversicherungsservices digital zur Verfügung stellt mit dem Ziel, die Technik- und Kostenführerschaft zu übernehmen. Müssen wir uns darauf einstellen, dass wir nicht nur in Gesundheitsfragen auf Dr. Google vertrauen, sondern bald auch unsere Patientenakten in dessen Hände geben?

Quellen

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