Schlaf-Apps: Beliebt - aber auch wirksam?

  • Erstellt am: 12.10.2018
  • von: ursula.kramer

Schlafstörungen können Ausdruck einer akuten Belastungssituation sein, z. B. Stress am Arbeitsplatz, von der viele Menschen hin und wieder betroffen sind (1). Daher verwundert es nicht, dass sich Hilfesuchende auch in App-Stores umschauen und nach digitalen Gesundheitsanwendungen für ihr Problem suchen (2). Schließlich ist das Interesse und die Offenheit gegenüber digitalen Gesundheitsanwendungen im Allgemeinen groß (3), sehr viele Menschen greifen auch zu Schlaf-Apps (2). Können diese Schlaf-Apps die Erwartungen erfüllen, und wenn ja, wie? HealthOn hat das App-Angebotes für deutschsprachige Verbraucher strukturiert analysiert. Hier einige Auszüge aus der Markt-Analyse.

Selbsthilfeinterventionen – wirksam bei psychischen Erkrankungen

Online-Selbstmanagement Programme, die bei Depression oder Angststörungen mit Methoden der kognitiven Verhaltenstherapie arbeiten, sind gut untersucht, nachweislich wirksam und in anderen europäischen Ländern bereits Baustein der Regelversorgung (4). Erste Chat-Bots für Depression zeigen in klinischen Studien Wirksamkeit (5). Auch bei Schlafstörungen, die länger als vier Wochen andauern, gilt die kognitive Verhaltenstherapie gemäß S3-Leitlinie als Mittel der Wahl (6). Das Problem: Die derzeit angebotenen Schlaf-Apps für deutschsprachige Verbraucher nutzen diese methodischen Ansätze nur in Teilen (2), keine der Apps ist im Hinblick auf ihre Wirkung bei Schlafstörungen untersucht.

Schlaf-Apps: Wo ist das Interesse am größten?

Diagnose und Therapie von Schlafstörungen: Kein Fall für Schlaf-Apps!

Ein zertifiziertes, CE-gekennzeichneten Medizinprodukt findet sich ebenfalls nicht unter den Schlaf-Apps, d. h. derzeit wird keine der Schlaf-Apps vom Anbieter explizit für die Diagnose oder Therapie von Schlafstörungen vermarktet. Im Gegensatz zu den diagnostischen Möglichkeiten im Schlaflabor, wo polysomnographisch Hirnaktivität, Muskeltonus und Augenbewegung aufgezeichnet werden, reichen die mit Schlaf-Apps erfassten Daten für eine umfassende, schlafmedizinische Einschätzung oder zur Diagnose einer Schlafapnoe nicht aus.
Auch die Erfassung von Belastung und Schwere der Schlafstörungen erfolgt nicht mit validierten Fragebögen, die Schlafmediziner z. B. in der Diagnose oder Verlaufskontrolle nutzen. Stattdessen ermitteln Apps aus Schlafverhalten und verschiedenen, im Schlaf gemessenen Vitalparametern, sog. „Schlaf-Scores“ und stellen deren Verlauf über die Zeit dar. Ohne Zweifel haben diese Score einen informellen Charakter für den Nutzer. Als strukturierte Basis für schlafmedizinische Therapieentscheidungen eigenen sie sich nicht.

Schlaf-Tracking-Apps & Einschlafhilfen dominieren

Das Angebot, auf das Verbraucher und Patienten treffen, wenn sie auf der Suche nach Schlafhilfen in die Stores gehen, wird von zwei Kategorien dominiert:

  • Die Einschlafhilfen. Naturgeräusche und meditative Klänge, wie sie auch beim Yoga zur Entschleunigung genutzt werden, sollen beim Einschlafen helfen. Mehr aber auch nicht weniger können diese Schlaf-Apps.
  • Die Schlaf-Tracking-Apps. Jeder vierte Schlaf-App zeichnet Daten zum Schlafverhalten (Bewegung, Geräusche etc.) auf. Die eigentliche Messung erfolgt zum einen über Uhren oder Armbändern, die am Handgelenk getragen nachts verschiedene Parameter aufzeichnen, z. B. Puls, Temperatur, Hautwiderstand, Sauerstoffsättigung etc. Andere Tracking-Apps setzen ausschließlich auf die Mess-Sensoren der Smartphones (Accelerometer). Diese Apps kommen ohne Fitness-Tracker, Smartwatches oder sonstige, in tragbaren Geräten verbaute Sensoren aus und sind bei den Nutzern daher besonders beliebt. Schlafdaten händisch einzutragen scheint dagegen wenig attraktiv, wie die deutlich niedrigere Nachfrage vermuten lässt.

Schnarchen und nächtlichen Atemaussetzern auf der Spur

Die besonders beliebten Tracking-Apps erfassen Geräusche oder nächtliche Bewegungen des Körpers ohne Zusatzgeräte. Das Smartphone wird auf die Matratze oder den Nachtisch gelegt, und die App vor dem Einschlafen gestartet. „Ich habe die ganze Nacht kein Auge zugetan“ ein subjektives Gefühl, das beim Abspielen der gleichmäßig monotonen oder aber auch unregelmäßig lauten Schlafgeräusche am nächsten Morgen vermutlich ebenso entkräftet werden kann, wie die vehemente Behauptung – „Ich schnarche doch nicht!“ Betroffenen werden für ein Problem sensibilisiert. Erklärungen zu nächtlichen Atemaussetzern, zu Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten sowie den schwerwiegenden gesundheitlichen Folgen einer unbehandelten Schlafapnoe, treffen dann möglicherweise auf offenere Ohren. Schlaf-Apps können auf diesem Weg möglicherweise zur Aufklärung und früheren Diagnose von Schlafapnoe beitragen.

Schlaf-Apps – Wo haben sie ihren Platz?

Wer hin und wieder schlecht schläft und verstehen will, was sich störend auf den erholsamen Schlaf auswirken kann, kann zu einer Schlaf-App greifen.

  • Das Aufzeichnen von Schlafgeräuschen und das Analysieren von Lebensstildaten in einem Tagebuch (Gewichtsverlauf, schwere Mahlzeiten vor dem Schlafengehen, Alkohol-, Zigarettenkonsum, Stress, Lärm, unregelmäßige Zubettgehzeit) kann Impulse setzen für eine bessere Schlafhygiene und sensibilisieren für die Gefahren einer Schlafapnoe (7).
  • Akustische Einschlafhilfen mit entspannenden Naturgeräuschen können helfen, besser zur Ruhe zu kommen.

Anders als Online-Interventionen zur Therapie von Depressionen und Angststörungen (8,9), die zum Teil von Krankenkassen bereits erstattet werden, können die derzeitigen Schlaf-Apps noch nicht als wirksame Selbsthilfemaßnahme zur Therapie von Schlafstörungen gelten. Mit der Weiterentwicklung digitaler Therapien wird sich das perspektivisch ändern. Schon heute gibt es Apps, die einen Schritt weitergehen, und z. B. angeleitet durch eine Schlafmedizinerin mit Methoden der kognitiven Verhaltenstherapie Hilfe bei der Bewältigung von Schlafstörungen bieten (10). Leider werden Nutzer hinter dieser Depressions-App vermutlich keine Hilfe für ihre Schlafprobleme vermuten.
Schlaf-Apps können schon heute ein Angebot zu Selbstbeobachtung sein und für Themen wie Schlafhygiene und Schlafapnoe sensibilisieren. Wer Geräusche im Schlafzimmer aufzeichnet, sollte vorher in jedem Fall einen Blick auf Impressum und Datenschutzerklärung werfen. Denn: Wer will schon, dass intime Aufzeichnungen in unbefugte Hände gelangen?

Quellen:

  1. Schlack R, Hapke U, Maske U, Busch MA, Cohrs S (2013) Häufigkeit und Verteilung von Schlafproblemen und Insomnie in der deutschen Erwachsenenbevölkerung. Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz 5(6):740–748
  2. Screening Schlaf-Apps 5/2018. HealthOn. Downloads im Vergleich zu anderen Gesundheits-Apps.
  3. Bitkom. Fast jeder Zweite nutzt Gesundheitsapps
  4. Berger T (2016) Internet-based treatments - experiences from Sweden. An interview with Gerhard Andersson. Verhaltenstherapie 23:211-214
  5. Fitzpatrick KK, Darcy A, Vierhile M. Delivering Cognitive Behavior Therapy to Young Adults With Symptoms of Depression and Anxiety Using a Fully Automated Conversational Agent (Woebot): A Randomized Controlled Trial. JMIR Ment Health 2017;4(2):e19. DOI: 10.2196/mental.7785
  6. Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin. S3-Leitlinie Nicht erholsamer Schlaf/Schlafstörungen. Somnologie 2017. 21:2-44. DOI 10.1007/s11818-016-0097-x. Online publiziert: 27.02.2017.
  7. Snorelab
  8. https://www.deprexis24.de/professionals.html
  9. https://www.selfapy.de/
  10. Moodpath: Depression & Burnout Test
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Dr. Ursula Kramer - Die Ap(p)othekerin bloggt auf HealthOn

Die Bloggerin

Die Vision eines gerechten, patientenorientierten Gesundheitssystems treibt die Ap(p)othekerin Dr. Ursula Kramer an. Digitalisierung sieht sie als Möglichkeit, diesem Ziel näher zu kommen. Seit 2011 testet sie Qualität, Sicherheit und Anwenderfreundlichkeit von Gesundheits-Apps. Sie will Transparenz schaffen und digitale Gesundheitskompetenz fördern. Sie teilt die Erfahrung aus der Analyse von mittlerweile über 10.000 Apps in Blogbeiträgen, Vorträgen und Publikationen. Mehr...