Direkt zum Inhalt

Elf Apps im DiGA-Verzeichnis: Was kommt bei Patienten an?

Geschrieben von ursula.kramer am Dienstag, 23. February 2021 - 14:03
11 Apps im DiGA-Verzeichnis... und was kommt beim Patienten an?

Mittlerweile sind es elf Apps, die den Sprung ins DiGA-Verzeichnis geschafft haben (1). Die 11. App ist keine Unbekannte: Deprexis. Sie ist seit vielen Jahren als Medizinprodukt zertifiziert und hat in der Behandlung von Depressionen in den letzten Jahren viel klinische Erfahrung sammeln können. Sie hat direkt die endgültige Listung erfolgreich beantragt. Deprexis ist nach velibra (2) bereits die dritte DiGA aus der Schmiede der GAIA AG und die sechste App aus der Reihe der sog. Mental-Apps im DiGA-Verzeichnis. Diese Apps werden im psychotherapeutischen Kontext zur Therapie von Angststörungen, Depressionen und oder auch zur Bewältigung der psychischen Belastungen eines chronischen Tinnitus eingesetzt.

Was alle mit Spannung erwarten - Zahlen zur Verordnung von DiGAs

Kommen therapeutische Innovationen bei den Patienten in dem Maße an, wie sich das die Macher des Digitale Versorgung-Gesetz DVG vorgestellt haben? Die Zahl der auf Rezept verordneten Apps und die Zahl der tatsächlich eingelösten Apps für die rund 73 Millionen gesetzlich Versicherten sind ein Gradmesser für den Erfolg der Innovationsoffensive des Deutschen Gesundheitssystems.

Der GKV Spitzenverband hat im Januar kommuniziert, dass rund 3.700 Verordnungen eingelöst worden sind (3). Auf 10 Apps verteilt, sind das im Mittel 370 eingelöste Rezepte per App.

Einige der Apps gibt es erst seit Anfang des Jahres auf Rezept, andere sind seit dem Start des DiGA-Verzeichnisses dabei. HealthOn hat mit dem Pionier in Sachen DiGA gesprochen, er ist Anbieter der ersten App, die es ins DiGA-Verzeichnis geschafft hat. Was können Anbieter digitaler Anwendungen lernen von den Herstellern, die den Sprung ins DiGA-Verzeichnis schon geschafft haben?

Interview mit Dr. Uso Walter - Anbieter der Tinnitus-App Kalmeda

HealthOn gibt Anbietern eine Stimme, die ihre Erfahrungen teilen. Heute im Interview Dr. Uso Walter, HNO-Arzt und Anbieter der Tinnitus-App Kalmeda (4). 

Herr Dr. Walter, Sie haben mit Ihrer App DiGA ein kleines Stück Medizingeschichte geschrieben: Kalmeda ist die allererste App, die im DiGA-Verzeichnis gelistet worden ist. Wie schauen Sie auf die Entwicklung Ihrer App im Markt?

Unsere App Kalmeda ist seit 06.10.2020  im DiGA-Verzeichnis gelistet. Kalmeda ist eine App zur Therapie des chronischen Tinnitus, als HNO-Arzt habe ich viel Erfahrung mit der Behandlung dieses Krankheitsbildes. Ich weiß, dass viele Kolleginnen und Kollegen froh sein werden, wenn sie Patienten mit einer App besser als bisher in der Bewältigung der psychischen Belastungen unterstützen können, die diese chronische Erkrankung häufig mit sich bringt. Viele Patienten haben einen extrem hohen Leidensdruck. In Deutschland leiden etwa 1,5 Millionen Bürger mittelgradig bis unerträglich unter Tinnitus, dies entspricht etwa 1,1 Prozent der Bevölkerung (5). Im Vergleich zu dieser hohen Inzidenz ist die Nutzernachfrage nach digitalen Anwendungen für das Krankheitsbild gering. Unsere App Kalmeda hat in diesem Jahr in Google Play die Grenze von 10.000 Downloads überschritten (6). Seit Anfang Oktober wurden 1.700 Kalmeda Rezepte eingelöst.

Wer verordnet Ihre App?

Die App für Tinnitus wird hauptsächlich von HNO-Ärzten verordnet. Was mich als HNO-Arzt erstaunt hat: Ein Drittel der angeforderten Probe-Apps für Therapeuten stammt von Psychotherapeuten. Das habe ich so nicht erwartet.

Und wie aktiv sind die Hausärzte als App-Verordner?

Patienten mit Tinnitus werden in der Regel vom Facharzt behandelt, das ist für mich die plausible Erklärung, warum die Hausärzte eher noch zurückhaltend sind.

Wie schätzen Sie die Dynamik insgesamt ein, wenn Sie auf die letzten Monate zurückblicken?

Die auf Rezept eingelöste Zahl der Apps wächst kontinuierlich. 500 Verordnungen im Dezember und 600 Verordnungen im Januar wurden eingelöst. Wir sind sehr zufrieden. Im Gesamtkontext betrachtet geht der größte Teil aller DiGA-Verordnungen derzeit auf das Konto der App Kalmeda.

Sie sind gut gestartet: Wie erklären Sie sich das?

In der Ansprache der HNO-Ärzte arbeiten wir mit einem Pharmaunternehmen zusammen, dessen Außendienst die Ärzte besucht und HNO-Ärzten die App Kalmeda vorstellt, rund 300 Ärzte nutzen derzeit einen Test-Account, um die App kennenzulernen.
Wir sind gestartet mit rund 10 Verordnungen pro Tag. Die Kosten für den Vertrieb schmälern natürlich unseren Gewinn, das nehmen wir in Kauf, um von Anfang an eine gute Marktdurchdringung zu erzielen. Denn es ist uns klar: Die Therapie mit einer App ist ein vollkommen neuer Prozess sowohl für die Therapeuten als auch für die Patienten. Sie müssen lernen, die App als neuen Baustein in der Therapie einzusetzen. Und deshalb sind wir mit der jetzigen Entwicklung sehr zufrieden. Wir wollen unsere App dauerhaft im Markt etablieren und planen unsere Aktivitäten mit einer langfristigen Zielerreichung.

Welche Patienten profitieren Ihrer Meinung nach von der App Kalmeda?

Es sind Menschen mit chronischem Tinnitus, die einen hohen Leidensdruck haben, das sind etwa 50 Prozent. Und diese Patienten brauchen psychologische Hilfe, die mit unserer App sofort verfügbar ist. Das ist für HNO-Ärzte ein gutes Angebot, aber auch für Psychotherapeuten, die mit der App ihre Therapie sinnvoll unterstützen und verstetigen können.

Das Alter der Patienten scheint für den Erfolg der Therapie und die Akzeptanz bei Betroffenen weniger eine Rolle zu spielen, als das Bildungsniveau und die Reflektionsfähigkeit und Sprachkompetenz. Denn wenn Patienten die Übungsanleitungen nicht verstehen, können sie die Methoden der Verhaltensänderung nicht einüben. Die App ist auf das aktive Zutun des Patienten ausgerichtet.

Welche Aufgaben kommen auf die Ärzte zu, die Ihre App auf Rezept verordnen? 

Den Arzt sehen wir primär als Verordner der App. Er bestellt den Patienten einmal im Quartal ein. Der HNO-Arzt ist fokussiert auf seine HNO-Leistungen, die er abrechnet. Die psychologische Behandlung überlässt er der App, die leitlinienbasiert arbeitet und die Gefühlsbilanz des Patienten positiv verändert. Eine zusätzliche GOÄ-Ziffer, die der Arzt für Leistungen abrechnen kann, die er im Kontext der App-Nutzung erbringen muss, ist nicht vorgesehen. Die App funktioniert ohne das explizite Zutun des HNO-Arztes.

Nun zum Pricing Ihrer App: Wie sind Sie vorgegangen? Der von Ihnen festgelegte Preis ist vergleichsweise günstig?

Auch in der Preisgestaltung gehen wir einen konservativen Weg. Wir orientieren uns am Versorgungskontext: Was kosten konventionelle Therapiemethoden, was kann eine digitale Therapie kosten, die die Versorgung von Menschen mit einem chronischen Tinnitusleiden verbessert und andere Therapiemaßnahmen sinnvoll ergänzen kann? Unsere App unterstützt den Patienten dabei, Bewältigungsstrategien zu erlernen. Das erfordert das Einüben neuer Verhaltensweisen und das braucht Zeit und erfordert die längerfristige Anwendung der App. Unsere App hilft HNO-Ärzten und Psychotherapeuten bei der Verstetigung ihres Therapieerfolges. Sie soll erschwinglich sein. Zum Vergleich: Wenn Patienten mit chronischem Tinnitus und einem hohen Leidensdruck stationär aufgenommen werden müssen, entstehen schnell hohe Behandlungskosten. Für eine 5-Tagestherapie belaufen sich die Kosten auf rund 2.000 € pro Patienten.

Für behandelnde Therapeuten müssen sich die Kosten einer App im Gesamtkontext aller Leistungen schlüssig einordnen lassen. Unser Preis ist mit 39 € pro Monat moderat (7), auch das ist wichtig für die Akzeptanz bei Verordnern. Denn auch wenn DiGAs extrabudgetär verordnet werden können, denkt man als Arzt immer auch die Wirtschaftlichkeit mit.  

Sagen Sie uns zum Schluss noch etwas zur klinischen Wirksamkeit Ihrer App?

Unsere wissenschaftliche Studie läuft seit Oktober letzten Jahres. Im Rahmen einer prospektiv randomisierten Studie wollen wir 150 Teilnehmer einschließen. Wir rekrutieren ca. einen Probanden pro Tag und schließen spätestens Ende März die Patientenrekrutierung ab. Ende Juni erwarten wir die Ergebnisse. Wir haben uns im ersten Schritt auf die Messung des patientenrelevanten Nutzens konzentriert und erfassen, wie sich die Tinnitus-Belastung - gemessen mit einem validierten Testinstrument - durch die Nutzung der App verändert. Die vorangegangenen Anwendungsbeobachtungen zeigen bereits eine hochsignifikante Besserung der Beschwerden, wenn Patienten bereits 2 der insgesamt 5 Level der App durchlaufen haben.
Mittelfristig wollen wir auch zeigen, wie sich die App auf die Depressionsneigung und das Stresserleben auswirkt sowie auf die Selbstwirksamkeitserwartung des Patienten.

Was können andere App-Anbieter von Kalmeda lernen?

Wir haben sicher den Vorteil, dass sich unsere Verordnerzielgruppe klar definieren lässt und vergleichsweise klein ist. Es gibt in Deutschland rund 6.500 HNO-Ärzte (8). Diese überschaubare Anzahl von Ärzten können wir im Co-Vertrieb mit einem pharmazeutischen Außendienst, der die Ärzte seit vielen Jahren besucht und kennt, effizient erreichen. Interessierte Ärzte können unsere App kennenlernen. Derzeit sind etwa 300 Probe-Apps im Markt. Wir agieren mit langfristiger Perspektive, wollen die digitale Therapie von chronischem Tinnitus im Markt etablieren, berücksichtigen das auch bei der Festsetzung unseres Preises. An einem „Quick-Win“ sind wir nicht interessiert.

Vielen Dank für die Einblicke, und weiterhin viel Erfolg für Ihre DiGA Kalmeda.

Quellen:

  1. https://diga.bfarm.de/de/verzeichnis/450
  2. https://diga.bfarm.de/de/verzeichnis/316
  3. https://www.handelsblatt.com/inside/digital_health/drei-monate-nach-start-umfrage-kassen-haben-bislang-rund-3700-apps-auf-rezept-erstattet-/26881328.html?ticket=ST-1735252-7AmXrcFvL2ICWbeAU5uv-ap2
  4. https://www.healthon.de/testberichte/de/kalmeda
  5. https://www.tinnitus-liga.de/pages/tinnitus-sonstige-hoerbeeintraechtigungen/tinnitus.php  
  6. https://play.google.com/store/apps/details?id=de.mynoise.kalmeda
  7. https://diga.bfarm.de/de/verzeichnis/350
  8. https://www.arzt-wirtschaft.de/anzahl-der-aerzte-in-deutschland-nach-arztgruppe-bis-2019/
Kategorie

Informationen über den Autor des Blogs

Dr. Ursula Kramer - Die Ap(p)othekerin bloggt auf HealthOn

Die Bloggerin

Die Vision eines gerechten, patientenorientierten Gesundheitssystems treibt die Ap(p)othekerin Dr. Ursula Kramer an. Digitalisierung sieht sie als Möglichkeit, diesem Ziel näher zu kommen. Seit 2011 testet sie Qualität, Sicherheit und Anwenderfreundlichkeit von Gesundheits-Apps. Sie will Transparenz schaffen und digitale Gesundheitskompetenz fördern. Sie teilt die Erfahrung aus der Analyse vieler tausender Gesundheits-Apps in Blogbeiträgen, Vorträgen und Publikationen. Mehr...

Neuen Kommentar hinzufügen

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.

Plain text

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • Website- und E-Mail-Adressen werden automatisch in Links umgewandelt.
  • Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.

Filtered HTML

  • Website- und E-Mail-Adressen werden automatisch in Links umgewandelt.
  • Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.