Innovative Schmerztherapie: Zwischen digitalem Zwilling & Apps

  • Erstellt am: 09.10.2017
  • von: ursula.kramer

Häufig klammern besonders Menschen mit chronischen Erkrankungen große Hoffnungen an den medizinischen Fortschritt. Für sie gibt es in der Regel keine Heilung, sondern lediglich Linderung belastender Krankheitssymptome, viele sind auf die dauerhafte Einnahme von Arzneimitteln angewiesen. Die beste Kombination und Dosierung von Arzneimitteln zu finden, auf dem schmalen Grat zwischen Wirkung und Nebenwirkung zu gehen, ist für Schmerzpatienten häufig sehr belastend. Die Vorstellung ist faszinierend, dass bald ein digitaler Zwilling zur Seite steht (1), mit dem Ärzte austesten können, welche Therapieoptionen zur genetischen Ausstattung eines Patienten passen, bevor Arzneimittel zum Einsatz kommen. Lassen sich auf diesem Weg Unverträglichkeiten im Vorfeld reduzieren oder Resistenzen vermeiden? Wird es einfacher, die Arzneimittelkombinationen und Dosierungen individuell an die Rezeptor- und Enzymausstattung des einzelnen Patienten anzupassen? Diese sog. personalisierte Medizin verspricht eine bessere Medizin zu werden, mit besserer Lebensqualität und vielleicht sogar einer längeren Lebensspanne für alle? Wann das soweit sein wird, ist ungewiss.
Im Moment sind es nicht diese großen Quantensprünge, sondern kleine Erleichterungen, die Schmerzpatienten z. B. von Schmerz-Apps erwarten können (2). Sie bieten Unterstützung im Alltag, es wird einfacher, Therapiedaten und Symptome bzw. Befindlichkeit aufzuzeichnen, Wetter- und Umweltdaten in das digitale Tagebuch zu integrieren und den Therapieverlauf in Wochen- und Monatsübersichten darzustellen. Das soll Schmerzpatienten helfen, Zusammenhänge zu erkennen, z. B. zwischen Umwelteinflüssen, den eingenommenen Arzneimitteln und dem eigenen Verhalten. Einige Apps geben auf dieser Grundlage schon heute Empfehlungen und Vorschläge zu Verhaltensänderung, zur Anpassung der Therapie, zu Entspannungs- und Bewegungsübungen. Wie groß der Nutzen dieser virteullen Schmerz-Coaches für Schmerzpatienten tatsächlich ist, müssen wissenschaftliche Studien prüfen und diese Schmerz-Apps z. B. in Pilotprojekten auf ihre wissenschaftlich nachweisebare Wirkung untersuchen (3).

Die Rationale von Schmerz-Apps liegt auf der Hand: Wer besser versteht, was die Belastungen durch den Schmerz verstärkt, wer erkennt, was gut tut, und wer diese Daten mit seinen Behandlern teilt, der kann auf einer breiteren Informationsbasis möglicherweise bessere Therapieentscheidungen treffen. Aus der Behandlung von Krebspatienten gibt es erste Studiendaten (4,5) , wie sich das Aufzeichnen der Symptome, z. B. während einer Chemotherapie und in der Nachsorge, auswirken kann. Demnach kann dies dazu beitragen, dass Krebspatienten nicht nur besser leben, sondern auch länger. Tumorprogression und Unverträglichkeiten werden schneller festgestellt und Therapeuten können besser darauf reagieren, ohne dass unnötig Zeit verstreicht. Die Voraussetzung: Patienten und Behandler sind miteinander verknüpft, d. h. der Therapeut wird über die Änderungen, die der Patient z. B. in seinem digitalen Tagebuch einträgt, informiert und kann darauf zeitnah reagieren. Diese Verbindung erfordert einen sicheren Datenaustausch, der in Deutschland mit der elektronischen Patientenakte voraussichtlich erst ab 2021 verfügbar sein wird. Die meisten Krebs-Apps werden daher hierzulande kaum genutzt (6).

Quellen:

  1. Die Zeit. Zum Arzt? Ihr Doppelgänger geht schon. http://www.zeit.de/zeit-wissen/2017/05/medizin-genomanalyse-digital-zwilling-zukunft-arzt-dna
  2. Marktreport Schmerz-Apps, 9/2017. Analyse der 33 deutschsprachigen, kostenlosen Schmerz-Apps, die Schmerzpatienten derzeit in Google Play zu Verfügung stehen.
  3. Rise-up Rücken Innovative Schmerztherapie mit eHealth für unsere Patienten.
  4. Basch E, Deal AM, Dueck AC, Scher HI, Kris MG, Hudis C, Schrag D. Overall Survival Results of a Trial Assessing Patient-Reported Outcomes for Symptom Monitoring During Routine Cancer Treatment. JAMA. Published online June 04, 2017. doi:10.1001/jama.2017.7156
  5. How a simple Tech tools can help cancer patients live longer.Laurie McGinley. The Washington Post, June 2017
  6. Krebs-Apps: Es gibt wenige, sie werden kaum genutzt. HealthOn, Jan. 2017
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